2015-12-31 Altjahrsabend

Predigt über Römer 8,31-39 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Liebe Gemeinde,
„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?“
Fragen sich viele am Jahreswechsel und schon davor.
Sind wir ehrlich: „Das Leben ist immer lebensgefährlich.“
Mit dieser satirischen Feststellung hat einmal Erich Kästner
die Silvesterstimmung auf den Punkt gebracht. 

Am letzten Tag des Jahres verbreitet sich eine
seltsame Atmosphäre.
Was 364 Mal - als völlig normaler Vorgang - kaum wahrgenommen wird,
ist beim 365. Mal - ein großer Einschnitt.
Durch den Wechsel der Jahre mache ich mir die Zeit bewusst,
die mich sonst so selbstverständlich
und ohne es zu beachten umgibt wie die Luft.

Ich spür’, wie meine Zeit davon läuft,
ich schau’ zurück auf die letzten 12 Monate!

Wie war das Jahr?
Was hat mich weiter gebracht?
Was ist schief gegangen?
Was hat mich enttäuscht und gefrustet?

Angesichts der vielen Prognosen für die Zukunft fragt man
sich unwillkürlich: »Wird’s besser? Wird’s schlimmer?« -,
um dann - zu dem banalen Schluss zu kommen,
dass das Leben halt einfach lebensgefährlich ist.

Aber es bleibt keine andere Wahl
als nach vorn zu schauen
und - es zu wagen.

Aber ist das - angesichts vieler Unsicherheiten -
und der gefühlt wirklich hoch explosiven Weltlage alles,
was wir sagen können?
Ich erspare Ihnen jetzt einen weiteren großen Jahresrückblick.
Sie können ihn heute Abend auf allen Kanälen im Fernsehen
anschauen …

Stattdessen schauen wir auf ein Bibelwort. 

Für diesen letzten Abend des Jahres
ist uns der Schlussabschnitt
aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs des Paulus gegeben.
Den offenen Fragen, die uns anhängen,
besonders den Bedrohungen und Krisen des Lebens,
stellt der Apostel hier ein verwegenes Lied
der Heilsgewissheit entgegen.

Paulus macht es sich nicht leicht:
Keine Not, kein Elend, keine Schuld oder Gefährdung,
die es zwischen Himmel und Erde gibt,
wird ausgespart.
Aber weit über alle bürgerlichen (und staatsmännischen)
Erwägungen und Prognosen zum Jahreswechsel hinaus,
bekommen wir in diesem Lied der Heilsgewissheit
eine kühne Zusage unseres Gottes,
die durch nichts erschüttert und aufgehoben werden kann.
Wenn wir Jesus gehören.

Paulus entfaltet hier dieses Hohe Lied in drei Strophen
(Römerbrief, Kap. 8, die Verse 31b-29), die ich zunächst einmal
vorlese
:
„Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben,
wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr, der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert? wie geschrieben steht:
Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag;
wir sind geachtet wie Schlachtschafe.
Aber in dem allen überwinden wir weit durch den,
der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ ( - ) 

 

Die erste Strophe: 

1. Paulus singt das Lied von der befreienden Macht
des Glaubens

An Silvester ziehen wir Bilanz.
Aber der Apostel radikalisiert unsere Situation: 
Wir sehen uns vor Gottes Gericht gestellt.
Aus einem besinnlichen Altjahrsabend wird unversehens
das Jüngste Gericht.

Mit Für und Wider kommt es zum Prozess:
wir stehen Anklage, Verteidigung und Verurteilung gegenüber.

Wer ist im zurückliegenden Jahr keine Liebe schuldig geblieben?
Wen haben wir geflissentlich übersehen,
obwohl er unsere Hilfe nötig hatte?
Wie steht es mit Rechthaberei und Unversöhnlichkeit?

Es gibt Ereignisse, die wir lieber nicht zeigen.
Aber „Deckel drauf und Schwamm drüber“ ist keine Lösung.
Sogar die guten Vorsätze, die wir heute Abend fassen,
zeigen nur, dass wir es nicht „packen“ …

Paulus geht in diesem Prozess,
den wir mit unserem eigenen Gewissen führen,
noch einen Schritt weiter:
Es ist nicht nur eine innere Stimme, die uns anklagt.
Vor Gott wird jede und jeder, der uns anklagt, gehört.
Nichts fällt einfach unter den Tisch.

Vor allem kommt der große Ankläger zu Wort,
der den Menschen seit der Verführung im Paradies
vor Gott anschwärzt: Satan, der einen Heidenspaß daran hat,
uns an der Nase herum zu führen … und hinter’s Licht!
Dieser „alt böse Feind“ vergisst nichts.
Er führt genauer als das feinste Gewissen ein Konto
über jede meiner Sünden.

Mit seiner Anklage erhebt er einen Rechtsanspruch auf mich.

Aber - diese Anklagen werden zum Wendepunkt
in meinem Prozess vor Gott und den Menschen,
sagt Paulus.
Christus entlarvt den Chefankläger.
Gott nimmt das belastende Zahlenwerk Satans nicht an.
»Ist Gott für uns, wer mag gegen uns sein?«
Das ist keine leere Formel, sondern eine Tatsache.
Selbst wenn sich meine Schuld ins Unermessliche auftürmen sollte -,
der Glaube - weist auf Christus.

In der Kirche von Weißenstadt (Bayern)
gibt’s ein eindrucksvolles Gemälde,
das den Reformator Martin Luther am Fuß des Kreuzes zeigt.
Und er deutet mit ausgestreckter Hand auf Jesus.

Christus spricht mit seinem Vater im Himmel und sagt:
»Dieses Anhängsel muss auch durch.
Er hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten.
Vater -, aber er hängt sich an mich. Was will’s!
Ich starb auch für ihn. Lass ihn durch schlupfen.« ( - ) 

Deshalb können wir frei werden, 

wenn wir uns vor einem „inneren Gerichtshof“ sehen …
Das abgelaufene Jahr mit seiner Schuld
steht unter der Vergebung, 

wenn wir, ja wenn wir sie bei Gott in Anspruch nehmen. 

Mögen andere über mich herfallen
und mir Dinge nachtragen und hinterher reden.
Wenn ich nur mit Gott im Reinen bin,
kann ich auch vor Menschen aufrecht stehen.
Es kann sein, dass mich mein Gewissen weiter verklagt,
aber wenn ich es Gott bekannt habe und es mir leid tut,
dann ist Gott größer als mein Herz.
Dann gilt:
Christus hat meine Schuld getragen.
An ihn allein halte ich mich - und will ich mich auch in Zukunft halten!


Die zweite Strophe: 

2. Paulus singt ein unerschütterliches Lied
der Liebe Gottes

Viele schauen sich heute noch Sendungen mit einem Jahres-
Rückblick an …
Die Wucht von Naturkatastrophen, Flüchtlingselend, Krieg
und millionenfachem Sterben treffen uns mit voller Wucht.

Sind die zerstörerischen Mächte auf diesem Globus
am Ende doch stärker als Gott?

Klingt das alles, was wir in der Welt sehen,
nicht wie ein bitterer Hohn
auf das Reden von der Liebe Gottes?

Und wenn vieles auch weit weg ist:
Das Leiden frisst sich oft bis ins eigene Leben hinein:
Enttäuschungen über Menschen,
Verlust von Dingen,
die wir uns mühsam angespart haben,
und vor allem der Tod von Angehörigen,
über den wir nicht hinweg kommen.

Die Frage der Skeptiker danach,
worin sich denn die Liebe Gottes beweist,
kann uns hart treffen
und im Glauben verunsichern.

Auch für Christen besteht zeitlebens die Gefahr,
dass sie sich von Gott scheiden lassen,
weil sie an ihm irre werden.
„Wer da meint, er stehe, sehe bloß zu, dass er nicht falle!“
Derselbe Paulus hat das geschrieben (1. Kor 10,12),
wie der, der unserem Zweifel die Tatsache entgegen stellt:
»Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, … wie sollte
er uns mit ihm nicht alles schenken.«

Damit werden wir an die Geschichte von der „Opferung Isaaks“
in 1. Mose 22 erinnert:
Gott hat es Abraham im letzten Augenblick erspart,
seinen einzigen Sohn hergeben zu müssen.
Aber sich selbst hat Gott nicht verschont.
Er hat seinen einzigen und geliebten Sohn am Kreuz dahin
gegeben - für uns.
Aus Liebe, weil er nicht wollte, dass wir ewig verloren gehen
und dass er für jeden von uns einen Ausweg geben sollte!

Mit diese Tatsache, dass Gott seinen einzigen Sohn für mich
und für Dich nicht verschont hat,
steht alles in dieser Welt und in unserem persönlichen Leben
unter dem neuen Vorzeichen des Heils.
Wer sich an ihn „hängt“,
der siegt mit ihm.

Dem Paulus geht es nicht darum,
mit seinem überschwänglichen Liebeslied
die vielen Abgründe in dieser Welt weg zu blenden. .
Er leuchtet sie vielmehr in allen Dimensionen aus.
Und im gleichen Augenblick
hebt er den Blick zu himmlischen Höhen empor.

Welche Dynamik verbirgt sich z.B. in der Zeiterfahrung!
Die Gegenwart ist nicht zu fassen.
Sie rutscht uns Jahr für Jahr weg … in die Vergangenheit.
Und die Zukunft steht vor uns wie eine steile Felswand,
die wir irgendwie „packen“ müssen.

Und dann bedrohen uns menschliche Mächte.
Sie sehen anonym und herrenlos aus
wie staatliche Institutionen,
Strukturen der Weltwirtschaft
und des globalen Kapitalismus
(ich nenne mal nur das Stichwort TTIP, ein globales
Welthandelsabkommen …)
Angst vor Terrorismus und Fremden zeigen ihre Fratzen.
 
Dann begegnet uns wieder Hohes:
Kunst und Wissenschaft,
tolle philosophische Entwürfe.
Höhepunkte der Weltgeschichte wie das Wirtschaftswunder
oder der Fall der Berliner Mauer faszinieren uns.

Trübsal, Verfolgung, Hunger und Schwert
sind das tagtägliche Schicksal
ungezählter Christen in vielen Ländern der Welt.

Leben als Christ, Christus wirklich nachfolgen,
das wird nicht leichter.

Krankheit wird uns nicht abgenommen
und die Anfechtung nicht einfach beseitigt.
Im Gegenteil: Paulus ist, wenn’s um Leiden geht,
ein echter Experte: Er musste selber Unglaubliches aushalten
in seinem Einsatz für Jesus.

Aber er ist auch - ein Experte der Herrlichkeit:
Er hat Christus in seinem Licht vor Damaskus gesehen.
Unter Tränen kann er strahlen,
unter Angst noch jubeln
und im Sterben ist er getrost.

In Höhen und Tiefen folgt er seinem Herrn,
der durch Himmel und Hölle gegangen ist.

Gorch Fock, der Dichter an der Nordseeküste,
der dem Schulschiff der Bundeswehr seinen Namen gegeben hat,
vermerkt in seinem Tagebuch: »Jener Matrose hatte recht,
der seiner Mutter schrieb: ›Und wenn du hören solltest,
dass unser Kreuzer versunken und niemand gerettet ist,
so weine nicht. Das Meer, in das mein Leib versinkt,
ist auch die hohle Hand meines Heilandes,
aus der mich nichts mehr reißen kann‹!«

Das gilt von allen Abgründen des Lebens und Todes.
Alle Mächte, die oft „Schicksal“ genannt werden,
sind nur vergängliche Kreaturen,
aber Gott bleibt Gott.
Von seiner Allmacht - trennen uns Welten,
aber von seiner Liebe - trennt uns kein Hauch,
wenn wir „in Jesus Christus sind“,
d. h. wenn wir unser Leben ihm anvertraut haben
und das immer wieder neu tun.
 

Die dritte Strophe des Paulus:

3. Paulus singt ein verwegenes Lied der Hoffnung

Wie wird es im nächsten Jahr?
Könnte 2016 am Ende schwerer sein als 2015?

Was gibt Christen trotzdem das Recht und den Mut,
gegen Terror- und Sirenenlärm,
gegen Martinshorn und Todesglocken
mit Paulus in den Fanfarenton „evangelischer Gewissheit“
einzustimmen?

Meine Zeit und mein Leben vergehen mit jedem Tag.
Wie lange kann ich mit Menschen, die ich liebe,
noch zusammen sein?

Todsicher kommt der Tod.

Aber - er kommt zu spät.

Christus ist auferstanden.
Sein Kreuz ist zum Siegeszeichen geworden!

Deshalb betont der Apostel mit den stärkst möglichen Worten:
Wir behalten nicht nur mit Ach und Krach -
„grad noch so knapp“ - den Sieg,
sondern wir »übersiegen«; d.h. wir siegen bei weitem!
So steht es wortwörtlich im Text.
Wir siegen glänzend!
Das Schönste kommt noch!
Christen sind mit Jesus auf der Überholspur!

Stellen wir uns vor,
wie Paulus in die Waagschale einer großen
alten Balkenwaage, wie man sie früher benutzt hat,
Gewichte legt:
Auf die eine Seite alles menschliche Leid
und die grausame Schicksale:
Gewalt und Depression, Elend und Krankheit.
Einfach alles,
was uns mit der bekannten Schwerkraft so runterziehen kann.

Aber dann legt er in die andere Waagschale
Gottes rettende Liebe,
seine Geduld und Gnade.
Er füllt sie mit der Herrlichkeit und dem Sieg Jesu Christi.
„Jesus trug unsere Krankheit und starb unseren Tod.“

Und deshalb triumphiert er so,
an der Hand von Jesus:
»Ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen
gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll«
(Römer 8, 18). Die Konfirmanden werden es auswendig lernen …

Und angesichts dieser Zusage Gottes
schnappt die Waagschale mit allem Bedrohlichen
geradezu federleicht nach oben …

So viel Gewicht hat der Inhalt in der anderen Schale.
So schwer wiegt das Geschenk Gottes,
das er uns durch Christus gibt - zum Annehmen,
auch zum erneut Annehmen
und zum Festhalten!

In diesem Christus, in dieser Gnade Gottes,
können wir uns bergen.
Mit dieser Hoffnung, eben mit Christus,
kann ich (und kannst Du)
mutig und gelassen ins neue Jahr gehen.

Denn wer Christus hat, der hat das Leben.
Er gehört mit ihm schon heute zu den Siegern,
auch wenn noch manches auf ihn warten mag.
Nichts und niemand wird den,
der sich an Christus hält,
aus Gottes Hand reißen.
Amen

 

 

(Ich danke Pfr. F. Kley für seine Vorarbeiten an diesem Predigttext!)

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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Freitag, 22.06.2018
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