2014-11-02 Reformationsfest

Predigt über Philipper 2,12+13 / Pfarrer Friedhelm Bühner

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden,

heute feiern wir das Reformationsfest

und wir schauen aus diesem Anlass auf ein Bibelwort

des Apostels Paulus, aus seinem Brief an die Philipper, 

Kapitel 2, die Verse 12+13:

„Schafft, dass ihr gerettet (selig) werdt, mit Furcht und Zittern. 

Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, 

das Wollen und das Vollbringen

nach seinem Wohlgefallen.“

 

Wie widersprüchlich kommt uns diese Aussage doch vor: 

Wir sollen „schaffen“ um gerettet zu werden (einerseits)

und dann doch entdecken, wie Gott hinter allem steht …

 

Martin Luthers hat mit Furcht und Zittern um einen gnädigen

Gott gekämpft … er war Mönch geworden … 

wollte Gott durch ein aufopferungsvolles Leben gefallen. 

„Schafft, dass ihr gerettet werdet, mir Furcht und Zittern!“ (V12)

Das hat er ganz ernst genommen 

und über all dem ist ihm Gott von einer ganz anderen

Seite begegnet: Mit dem Evangelium von Jesus Christus!

 

Er durfte erkennen: 

„Gott ist es, der in euch beides wirkt, 

das Wollen und das Vollbringen

nach seinem Wohlgefallen.“

Das Entscheidende kann kein Mensch durch „Schaffen“ bewirken

(durch sein gutes Leben, sein gutes Tun, seine Christlichkeit, durch 

seinen eigenen Willen)
Gott selber muss uns „aufgehen“, 

als der, der uns geliebt hat, 

es nicht mehr mit ansehen konnte, 

wie wir alle verloren gehen - 

und deshalb Jesus gesandt hat. 

 

Ich und Du, wir dürfen erkennen: 

Wir sind angesprochen von Gott als Geliebte.

Und in dieser Liebesbeziehung zu Gott dürfen wir uns entfalten. 

 

Und danach sind wir – aber erst in einem zweiten Schritt – 

aufgefordert - und - herausgefordert, 

danach zu ringen, dass wir gerettet werden. 

Aber nicht durch Eigenleistung,

nicht um uns den Himmel zu verdienen, 

sondern mit Jesus, 

dem wir folgen, der den Weg frei macht

uns zu bewähren und im Glauben zu wachsen.  

 

Wo dieser Jesus mich führen und lenken darf -, 

da - werde ich erleben, 

wie mein Wollen und mein Tun letztlich von Gott 

geführt und gelenkt wird. 

Deshalb gehört auch am Ende allein IHM aller Dank und alle Ehre. 

Er trägt die Seinen durch das Leben (in seiner Allwirksamkeit)

um einmal alles in allem zu sein. 

 

Wie ist das eigentlich mit unserem „Können“?

 

Schon ein kleines Kind sagt: „Ich kann das!“

Es will sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr 

helfen lassen von einem Erwachsenen,

sondern eigene Schritte im Leben gehen. 

Es gehört zur Entwicklung unseres Menschseins, 

dass wir die Welt ein Stück weit „erobern“ wollen – 

durch unser zunehmendes Können.

„Ich kann das selber!“

 

Als kleines Kind hat man dabei die Vorstellung, 

dass Erwachsene – vor allem die eigenen Eltern – alles können.

Sie sind quasi allmächtig, 

denn sie haben ungeahnte Möglichkeiten,

die ein Kind so noch nicht hat. 

Sie können
    -    ins Bett gehen, wann sie wollen, 

sie können sich jederzeit Schmucksachen kaufen u.s.w.

 

Und so glaubt ein Kind, 

dass es einmal selber auch alles können wird, 

sobald es erwachsen ist. 

 

„Ich kann das!“ - sagt aber auch ein alter Mensch.

Er will sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt 

nicht bei allem und jedem von anderen helfen lassen müssen, 

sondern so lange es irgend geht, 

sich seine Selbstständigkeit bewahren. 

Ja, es gehört zur Behauptung unserer Menschenwürde, 

dass wir uns nicht total auf andere angewiesen fühlen wollen – 

trotz unseres abnehmenden Könnens.

„Ich kann das immer noch selber!“

 

Als älterer Mensch lebt man in der zunehmenden Furcht, 

dass der eigene Aktionsradius nach und nach kleiner wird

und man sagen muss: „Ich kann nicht mehr!“

Wir bekommen Ohnmachtsgefühle, 

wenn wir daran denken, 

selbst einfache Handgriffe irgendwann nicht mehr allein zu schaffen …

Die typische Pflegesituation  … wo ich zurück geworfen werde

in die Rolle des Bittenden … und ganz neu lernen muss, 

was es heißt, sich die Zuwendung anderer gefallen zu lassen. 

Das war man davor ein Leben lang nicht gewohnt! 

 

Die Debatte um die Sterbehilfe hat mit Sicherheit 

etwas damit zu tun 

… mit der zunehmenden Einsamkeit und Kälte

in unserer Gesellschaft heute, 

wo liebende Angehörige, die mir auf eine gute Weise beistehen, 

wenn meine Kräfte abnehmen, zur Mangelware werden. 

 

Aber auch damit, 

dass wir am Ende unseres Lebens nicht anders können 

als unsere eigene Ohnmacht einzugestehen. 

Bis ins Körperliche hinein macht sich das bemerkbar: 

So wie ein Neugeborenes alles festhalten will, 

muss ein Sterbender alles loslassen. 

 

In diesem Spannungsbogen von der Geburt bis zum Tod, 

von der geballten Hand des Babys zur geöffneten Hand des Greises,

vom Alles-können-Wollen bis zum Nichts-mehr-Können 

hat Gott uns hinein gestellt.

 

Aber er hat uns in diesen natürlichen Ablauf

doch nicht wie in einen Strudel hinein geworfen, 

so dass wir auf uns allein gestellt 

unser Können und unser Nichtkönnen, unser Gelingen und unser Scheitern, unsere Selbstbestimmtheit und unsere Fremdbestimmtheit

durchleben und durchleiden müssten. 

 

Gott will „Gott für uns“ sein, 

wie schon Martin Buber den Namen „Jahwe“ in 2. Mose 3,14

übersetzt hat:

    „Gott für uns“, 

    für uns, nicht gegen uns.

Er will uns aus Liebe mit Können beschenken

und gleichzeitig durch seine Allmacht beschränken.

Er will aus Liebe unser Nichtkönnen auffangen

und gleichzeitig durch seine Allmacht hinein führen. 

 

Weil Gott ein genialer Schöpfer ist, 

hat er uns mit einem atemberaubenden Können ausgestattet, 

er hat uns seine Schöpfung zum Bebauen und Bewahren 

anvertraut (Gen 2,15),

und er hat uns zu dieser Aufgabe die entsprechenden

Gaben gegeben (Gen 4,20ff). 

Das Wort „Kunst“ kommt nicht zufällig von „Können“. 

Und es gibt wirklich begnadete Künstler, Handwerker,

Denker, Techniker … die Statuen eines Michelangelo oder eine
Kantate von Johann Sebastian Bach … unvergleichliche

Kunstwerke.

 

Aber auch den „Normalbegabten“ hat Gott ihr Können

zum größten Teil in die Wiege gelegt. 

Jeder von uns kann irgendwas auf irgendeinem Gebiet 

oder gleich auf mehreren. 

Das macht zufrieden, gibt Anerkennung …

Selbstbewusstsein in einem guten Sinn. 

 

Seit – dem Sündenfall liegt aber ein Schatten 

auf unserem Können! 

 

Unser Können ist verdorben worden durch unseren Hang, 

Alleskönner wie Gott sein zu wollen. 

Immer, wenn wir Menschen versuchen, 

die von Gott gesetzten Grenzen unseres Könnens

zu überschreiten, 

führt das in eine Katastrophe, sei es 

in der Politik (z. B. bei Hitler: Er wollte Gott sein), in der Forschung (z. B. Totalüberwachung), in der Medizinethik (z. B. aktive Sterbehilfe, Klonen) …

 

Das Wichtigste aber: 

So wenig damals der Turmbau zu Babel Gott im 

Himmel erreicht hat, so wenig können selbst unsere

gelungensten Anstrengungen uns zu Gott bringen, 

die Himmelstür aufstoßen. 

 

Wir können uns nicht selber 

aus unserer selbst verschuldeten Not retten,

keine Kunst und kein Können, 

keine noch so hochstehende Ethik reicht dazu aus. 

 

Deshalb hat Gott seinen einzig geborenen Sohn

aus Liebe in diese Welt gesandt, 

damit alle, die an ihn glauben, 

nicht durch ihr eigenes Unvermögen verloren gehen, 

sondern durch seine Hingabe gerettet werden (vgl. Joh 3,16). 

Nur Gott konnte das – und - er wollte das!

 

Gott ist also nicht nur ein genialer Schöpfer, 

er ist auch ein liebevoller Erlöser, 

der weiß, dass wir uns selber - nicht retten können. 

Dazu hat er Jesus Christus eingesetzt, 

der uns allein retten kann. 

 

„Schafft, dass ihr gerettet (selig) werden, mit Furcht und Zittern. 

Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, 

das Wollen und das Vollbringen

nach seinem Wohlgefallen.“

Ruft uns der Apostel Paulus heute zu, 

am Reformationstag …

 

Ein Christ ist also nicht der, 

der von sich sagen kann: Ich gehöre einer Kirche an

oder der stolz darauf ist, Gott ganz besonders gut zu kennen, 

sondern - ein Christ ist jemand, 

der dankbar ist dafür 

dass Gottes Liebe ihn gesucht und gefunden hat, 

dass er das im Glauben annehmen durfte, 

obwohl er unfähig dazu war. 

 

Je länger ich zu Jesus gehöre, 

umso wichtiger wird mir diese Standortbestimmung:

Und ich will Jesus Christus von ganzem Herzen danken dafür, 

dass er mich Unannehmbaren geliebt hat, 

dass er sich mir in den Weg gestellt hat

und ich die Rettung in Jesus annehmen durfte!

 

Das war letztlich nicht mein Verdienst. 

Gott - hat mich in einen Raum der Entscheidung gestellt, 

er hat mir gezeigt, dass ich ein Sünder bin

und ich konnte dankbar annehmen, 

dass Jesus auch für mich - am Kreuz - gestorben ist.

Nur dadurch bin ich Christ geworden. 

Und dafür will ich ihm mein Leben lang „Danke“ sagen, 

möchte gerne „etwas sein zum Lob seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,12). 

 

Für die Bibel heißt Christ sein – mit Christus – ein 

Alleskönner sein:

„Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Phil 4,13).

Ohne Christus aber bin ich ein Nichtskönner:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (sagt Jesus). 

Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. 

Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5)

 

Je mehr also ein Christ ohne Christus können will, 

desto weniger kann Christus durch ihn handeln

und umgekehrt. 

Deshalb steht für einen Christen bei allem,

was er kann – an erster Stelle nicht was er selbst will, 

sondern was Christus will, 

nicht die Unabhängigkeit, sondern die Abhängigkeit

von seinem Herrn. 

 

Als Christ habe ich also keinen „freien“ Willen, 

sondern einen Willen, der an Christus und Gottes Wort

gebunden ist, der in seinem Können am Wirken ist (V13).

 

Das wirkt sich darauf aus, 

wie ein Christ sein Können, seine Bildung, 

seine Begabungen versteht und auch einbringt.  

 

Ein Christ weiß, dass er mit Blick auf sein Können

und sein Nichtkönnen die Hilfe seines Herrn braucht. 

Denn Gottes Möglichkeiten sind unendlich. 

Da, wo ich etwas „kann“ -, kann er unendlich viel mehr

und wo ich etwas nicht kann, da ist es für ihn überhaupt

kein Problem. 

Deshalb leben Christen ganz im Vertrauen auf Gottes

Können - und in Dankbarkeit gegenüber dem 

Geber aller Gaben. 

 

Ein Christ weiß außerdem,

dass sein Können vom Heiligen Geist „befeuert“ wird

und auch sein Selbstvertrauen letztlich (nicht durch Psychotraining, 

sondern) aus dem Vertrauen auf Gott kommt 

(> siehe Mt 17,20 vom  Berge versetzenden Glauben).

 

Dieses Gottvertrauen ist wie die Hülle,

die sich wie ein schützender Mantel um das 

Selbstvertrauen legt und ihn davor bewahrt, 

bei Erfolgen in Hochmut und bei Misserfolgen in Resignation

abzurutschen. 

 

Sich freuen über das Geleistete

und dabei Gott immer zuerst dankbar zu sein, 

das ist eine Kunst, die Übung verlangt. 

Auch Lob annehmen zu können gehört dazu, 

aber immer so, es letztlich an Gott weiter zu leiten. 

 

Christen dürfen ihr Können Gott zur Ehre einbringen, 

so wie der Apostel Paulus z. B. seinen Brief an die Römer beschließt 

mit dem Satz: „dem Gott, der allein weise ist, 

sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit.“ (Röm 16,27). 

 

Ich brauche mich also nicht künstlich „klein“ zu machen, 

sondern darf sagen: „Ich kann … - ja, aber nicht für mich allein, 

sondern für den anderen!“

Die Liebe zu Gott und zum Nächsten“ sind die Vorzeichen, 

unter denen mein Können ins „Vollbringen“ einmündet. 

 

Das heißt im Idealfal:

Ein Christ macht nicht einfach alles, was er kann, 

sondern nur das, was mit Gottes Willen zusammen geht

und was damit dem Mitmenschen hilft.

„Ich kann das … - aber ich muss es nicht -, 

weil es Gott nicht gefällt und den Nächsten schädigt!“

„Ich kann das … - und ich tue es -, 

weil es Gott gefällt und dem Nächsten nützt!“

 

Immer zwischen diesen beiden Polen 

bewegt sich das Können eines Christen. 

 

In dem Wissen lebend, dass Gottes „Ich kann“ 

in jedem Fall größer ist mein eigenes, 

kann ich, wenn ich einmal sterbe, auch sagen: 

„Ich kann jetzt nicht mehr …“ - und das wird gehalten 

und umfangen von Gott, der sagt: 

„Aber ich kann noch viel mehr …“!

 

 

Das Reformationsfest heute erinnert uns daran, 

ganz aus Gottes Können und aus Jesus Christus heraus 

zu leben – und nicht losgelöst davon – auf menschliche 

Fähigkeiten und Kraft zu setzen. 

Das liegt vielleicht nicht im Trend, 

ist aber der Schlüssel zu einem glücklichen (getrosten) Leben. 

 

„Schafft, dass ihr gerettet werdet, mit Furcht und Zittern. 

Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, 

das Wollen und das Vollbringen

nach seinem Wohlgefallen.“

 

Es kommt alles auf den Alleskönner an.

Ohne seine Gnade bin ich verloren. 

Ich darf sie dankbar annehmen

und mit Christus leben. 

Dann wird mein Leben etwas sein zur Ehre Gottes

und nichts wird mich mehr scheiden von der Liebe Gottes. 

Amen

 

(Ich danke Pfarrer Dr. W. Schnabel für seine Vorarbeiten zu diesem Predigttext)




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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