2013-08-11

Predigt über Lukas 7,36-50 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 7, die Verse 36-50:

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. 

Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. 

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die 

vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein 

Glas mit Salböl 38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing 

an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes 

zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. 39 Als 

aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich 

selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und 

was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. 40 

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. 

Er aber sprach: Meister, sag es! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. 

Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. 42 Da 

sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen 

wird ihn am meisten lieben? 43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, 

der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast 

recht geurteilt. 44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: 

Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein 

Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen 

benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.  45 Du hast mir keinen Kuss 

gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, 

meine Füße zu küssen.  46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; 

sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: 

Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem 

aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Und er sprach zu ihr: Dir 

sind deine Sünden vergeben. 49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, 

und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?  

50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in 

Frieden!“

 

 

 

Eine seltsame Geschichte ist das, 

liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, nicht wahr!?

 

Vom ersten Augenblick an aufregend 

und von einer geheimnisvollen Spannung durchzogen. 

Was passiert da eigentlich? 

Wer ist diese Frau? 

Was macht sie denn da? 

Wieso lässt Jesus sie einfach gewähren? 

Genießt er, was sie tut - oder ist es ihm peinlich? 

Was haben die Jünger dabei wohl empfunden?

 

Und dann hat mich vom ersten Lesen an besonders ein Wort 

elektrisiert: Verschwendung.

Die Jünger werfen der Frau mit der Parfümflasche Verschwendung vor.

Warum elektrisiert mich dieses Wort so?

 

Vielleicht weil es in einem Zusammenhang steht mit »Sünderin« 

und »lieben«? 

Eine Sünderin, die liebt und gleichzeitig verschwendet – 

und das in allernächster Nähe von Jesus 

auch noch dazu im Haus eines Pharisäers. 

Da springen doch unsere „Sensoren“ an!

 

 

1. Verschwendung

Verschwendung. 

Wenn ich dieses Wort höre, denke ich zunächst einmal 

an Luxuskarosse, großen Geldbeutel und hohe Stellung. 

Da denke ich an die schmucken Jachten, 

die wir im Wattenmeer an uns vorbei ziehen lassen mussten ...

 

Wenn einer mit Geld um sich wirft, 

seine Statussymbole pflegt und auf großem Fuß lebt, 

nennen wir das Verschwendung.

 

Aber manchmal habe ich auch solche Tage: 

Im Urlaub schau‘ ich nicht immer unbedingt aufs Geld. 

Um meiner Frau eine überraschende Freude zu machen – gebe ich 

auch mal mehr aus, als geplant. 

Für meine Kinder – lass ich mal fünf gerade sein. 

Ja, gelegentlich sogar, um mir selber was zu beschaffen, 

was mir wichtig ist. 

 

Die Jünger können damit offensichtlich schlecht umgehen. 

Sie kommen alle aus einfachen Verhältnissen. 

In den kleinen Basalthäusern am See Genezareth ist es ärmlich 

zugegangen. 

Sie sind gerade mal so über die Runden gekommen. 

Reiche Leute unter ihnen waren selten. 

Und so wussten die Jünger, wie hart man arbeiten muss, 

um das tägliche Brot zu verdienen.

 

Und jetzt kommt diese Frau daher. 

Was sie in der Hand hält, 

stellt in ihren Augen ein kleines Vermögen dar:

Ein Fläschchen mit Salböl galt als Kostbarkeit. 

 

Was tut die Frau damit? 

Sie kommt zu Jesus, in ihren Augen – Tränen. 

Sie netzt seine Füße mit ihren Tränen 

und salbt sie mit ihrem Salböl. 

Die Füße – nicht die Hände! 

Und die Füße werden schnell wieder dreckig. 

Die Füße -, nicht das Gesicht, wo das Parfüm vielleicht besser 

zu riechen wäre. 

Die Füße -, nicht den Kopf. 

So, als wollte sie sagen: 

Herr, deine Füße haben dich hergetragen zu mir. 

Hier in diese Gegend. Zu mir. 

„Kostbar sind mir die Füße des Freudenboten, 

der Versöhnung und Vergebung zu mir gebracht hat.“ (vgl. Jes 52,7)

 

Ist das Verschwendung, wie die Jünger meinen? 

Oder ist das der Tag, von dem die Frau vielleicht noch ihren 

Kindern, Enkel und Urenkeln ein Leben lang erzählen wird: 

Ich bin Jesus begegnet und er hat mir gezeigt: 

Du bist Gott wertvoll. Du bist ein von Gott geliebter Mensch. 

Du bist von Gott geschaffen – ein Wesen, das etwas gilt, 

jemand, den Gott sieht, dessen Namen er sich in seine Hände 

geschrieben hat!?

 

Was hat diese Frau wohl bis dahin erfahren? 

Sie hat erfahren, dass sie herumgestoßen wird, 

dass sie ausgenutzt und sexuell ausgebeutet wird. 

Dass sie eben nichts gilt. 

Dass keiner nach ihren Gefühlen fragt, 

sondern die Männer nur ihre Befriedigung bei ihr suchen. 

Niemand interessiert sich dafür, wer diese Frau wirklich ist. 

Auf der untersten Stufe der Gesellschaft lebt sie. 

Jemand auf dem nur rumgetrampelt wird.

 

Und Jesus? 

Jesus sieht in dieser Frau den Menschen, den Gott geschaffen hat. 

Er gibt ihr ihre Würde zurück. 

Er will nichts von ihr, sondern er schenkt ihr: Selbstachtung, 

Selbstwertgefühl, das Recht, Frau zu sein, wertgeachtet, 

geschätzt zu sein.

 

Die Jünger halten das, was die Frau da tut, für Verschwendung, 

aber mein Eindruck ist, dass ihr selbst das Beste für Jesus 

gerade mal gut genug ist.

 

So stehen die Jünger in dieser Geschichte für mich da 

wie „wohl temperierte“ Christen. 

Sie sind Jesus ohne Zweifel wohlgesonnen. 

Sie nennen ihn Meister, Lehrer. 

Einer, ein Pharisäer, einer der sich im Gesetz und in der Bibel auskennt, 

hat ihn als Gast eingeladen. 

Er serviert ihm Brot und Wein, achtet seine Aussagen 

und ist in der Lage, angemessen mit Jesus theologisch zu diskutieren.

 

Aber eben „wohl temperiert“, nicht zuviel und nicht zuwenig. 

Nicht so, dass jemand sagen könnte: bigott, so fromm, fast fanatisch. 

Da gibt‘s gewisse Grenzen, die will er nicht überschreiten. 

Was sollen sonst die Leute von ihm denken? 

Nur nicht in den Geruch geraten, 

man sei etwas überzogen ... so, wie Freude am Gottesdienst zu haben

und das auch zu zeigen, andere einzuladen, 

selbst wenn die eher milde lächeln und erklären, 

sie brauchten das nicht ...

 

Kein Wunder, dass unser Christsein gelegentlich langweilig und 

abgestanden wirkt, wenn dieser Zündfunke fehlt. 

Wenn da nichts über springt, 

wir uns so ganz auf uns eingestellt haben. 

Aber - wie sagt der Kirchenvater Augustin doch mal -: 

»In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst«.

 

 

2. Liebe

Steht deshalb diese Geschichte in allen vier Evangelien, 

weil es von dieser Frau heißt: 

Sie liebt. Sie verwaltet nicht ihren Glauben. 

Sie hält ihn nicht konsequent in der Mitte. Sie liebt Jesus. 

Ihr Herz brennt für ihn. 

Sie setzt sich über alle Konventionen hinweg, 

weil sie in der Nähe von Jesus sein will. 

Sie wäre auch bereit, für Jesus durchs Feuer zu gehen. 

Sie würde in seinem Namen auch Aussätzige pflegen, 

sich um Randsiedler kümmern und 

ohne Ansehen der Person ihren Glauben bezeugen.

 

Sie ist eine Frau, die liebt. 

Die sogar mehr liebt als die Jünger, 

die doch auch schon viel für Jesus getan haben. 

Sie - haben ihre Familien verlassen, ihre Arbeit aufgegeben, 

sind Jesus nachgefolgt, hängen an seinen Lippen, 

wenn er über Gott redet, sind Tag und Nacht an seiner Seite. 

Auch die Pharisäer – sie lehren und lesen Gottes Wort 

Tag und Nacht, führen ein Leben nur für die Bibel. 

Aber bei dieser Frau, sagt Jesus, da ist Liebe, 

mehr Liebe als bei anderen, die ihn umgeben. 

Mehr Liebe.

 

Wir erfahren hier bei Lukas nicht mal ihren Namen. 

Vielleicht will sie Lukas schützen. 

Es muss niemand wissen, wer genau das war. 

Vielleicht aber muss er den Namen auch gar nicht sagen, 

weil ihn jeder kennt. 

Ihre Tat ist in der jungen Christenheit sprichwörtlich geworden: 

Jesus so lieben, ihn so salben wie diese Frau. 

Ein so brennendes Herz für Jesus haben, wie sie. 

Das ist Nachfolge. Das ist Christsein.

 

Sie spricht in dieser ganzen Geschichte nicht ein einziges Wort. 

Vielleicht müssen Christen ihren Glauben auch gar nicht 

immer wie ein Traktat vor uns her sagen, obwohl gute Traktate, 

ein gutes christliches Buch zu verschenken, 

wirklich tolle Möglichkeiten sind. 

Manchmal sprechen die Taten viel lauter als die Worte. 

Und das, was diese Frau Jesus gegenüber Gutes tut, 

ist eine so ergreifende Art, Christsein zu leben, 

dass sie einfach ansteckend ist. 

Quellfrisches Christsein.

 

 

3. Vergebung

Wie kommt das zustande? 

Wieso brennt bei jemand das Herz für Jesus -, 

so wie bei dieser Frau?

 

Die Erklärung von Jesus klingt schlicht und einfach: 

Weil sie Vergebung erfahren hat. 

Das ist das winzige und doch entscheidende Geheimnis ihres Lebens: 

Das Wissen um die abgrundtiefe Gnade und Liebe Gottes, 

die ihr Leben in Brand gesteckt hat. 

Der Funke der Liebe ist von Jesus - auf sie - übergesprungen 

und hat gezündet.

 

Deshalb kann sie lieben: Sie küsst Jesus die Füße. 

Deshalb kann sie dienen: Sie opfert ihm mit Freude ihren kostbarsten 

Besitz. 

Deshalb kann sie leiden: Sie hängt ihr Herz an Jesus 

und legt ihm ihr ganzes Leben zu Füßen. 

Alles andere ist nebensächlich geworden, weil sie erfahren hat: 

Jesus will dich haben. 

Er will dich so, wie du bist, dich allein -, aber dich ganz. 

Dir gilt sein Opfer, seine Hingabe am Kreuz auf Golgatha. 

Dort stirbt er für dich. 

Und wenn du der einzige Mensch auf der ganzen Welt wärst, 

er hätte für dich sein Leben dahin gegeben. 

So groß ist seine Liebe zu dir.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, 

ist das nicht eine grandiose Verschwendung? 

Ist das nicht eine gigantische Verschwendung von Liebe, 

was Gott mit seinem Sohn da am Kreuz veranstaltet? 

Ist das nicht ein Tun über alles vernünftige Maß hinaus?

 

Aber Gott rechnet anders. 

Für Gott zählt nicht, was es ihn kostet, 

sondern was er damit gewinnt. 

Sein Liebstes, sein Größtes, sein Höchstes gibt er hin, 

um mir zu zeigen: 

Das ist meine Liebe zu dir, und das ist das Einzige, was zählt.

Jeder vernünftige Mensch würde sagen: pure Verschwendung.

 

Aber zählt im Leben wirklich immer nur das, was vernünftig ist? 

Wäre Gott nur vernünftig, 

hätte er die Menschheit schon längst abgeschafft, 

so wie sie sich in seiner Schöpfung aufführt. 

Aber seine Liebe war und ist immer noch größer als jede Vernunft. 

Seine Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu 

und lässt deshalb die Sonne über uns aufgehen 

und lässt sie scheinen über Gerechte und Ungerechte, 

über Gute und Böse.

 

Eine unglaubliche Verschwendung, 

aber eine Verschwendung, 

die meine Verehrung und meine Liebe verdient. 

Eine Verschwendung, die solche Liebe bei mir hervorruft, 

die nicht ständig fragt: Was kostet’s mich?, 

sondern überströmend liebt, Gott und die Menschen. 

Und die nicht fragt: Haben sie’s verdient, 

sondern die einfach immer noch liebt. 

Weil sie aus der Vergebung lebt und aus der Versöhnung. 

Aus der Liebe Gottes – und aus seiner Treue, 

die ich selbst erfahren durfte. 

 

Eine seltsame Geschichte ist das, liebe Gemeinde, 

von Gott und den Menschen. 

Eine Geschichte voller Verschwendung und Spannung, 

und eine Geschichte - glauben Sie’s mir -, 

an der ich mich nicht satt hören und sehen kann.   

Amen. 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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