2012-07-22

Predigt über Philpper 2,1-4 / Pfarrer Friedhelm Bühner 

 

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus dem Mund des Apostels Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi, Kapitel 2, die Verse 1-4:

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-

schaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht 

meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche

Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut

achte einer den andern höher als sich selbst und ein jeder sehe nicht

auf das Seine, sondern auch - auf das, was dem andern dient.“

 

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, 

 

kein Wort in diesem Bibelwort ist so überbetont worden 

wie das kleine Bindewort „auch“ im letzten Vers ...

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut

achte einer den andern höher als sich selbst und ein jeder sehe nicht

auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

 

Dann wird dieses Bibelwort so verstanden: Also, zuerst geht es um mich 

und dann, dann kommt erst mal lange nichts ... und dann ... irgendwann 

kommt auch der andere und was ihm dient in den Blick. 

 

Aber das ist es nicht, was Paulus meint!

Er spielt weder „das Meine“ noch „das des Anderen“ gegeneinander aus. 

Lenken wir unseren Blick lieber auf das kleine Wort „sehen“, 

das er benutzt: 

„... ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, 

was dem anderen dient.“

Dann sind wir schon viel näher dran an dem, 

was Gott uns durch Paulus heute sagen will. 

 

 

  1. Es geht um das Sehen, um den rechten Blick!

Aus welchem Blickwinkel betrachte ich die Dinge (mein Leben, 

meine Gefühle, mein Ergehen - und genau so die Person des Mitchristen, 

mit dem ich es zu tun habe, seine Gefühle, sein Ergehen)?

 

Und dazu sagt Paulus: 

Es ist alles eine Frage der Perspektive:

  • Sehe ich von nahem oder von ferne?
  • Sehe ich von vorne oder von hinten?
  • Sehe ich, was kommt, oder sehe ich nur von hinten her?
  • Schau ich von oben herab oder von unten hinauf?

Je nach Perspektive, je nach Blickwinkel, sehe ich etwas

ganz anderes. An mir und beim Mitchristen, 

aber auch an jedem anderen Menschen. 

 

Heute steht besonders im Mittelpunkt die Frage: Schaue ich von oben 

herab oder von unten hinauf,

bei dem, was Gottes Wort uns sagen will. 

 

Wie schaue ich auf meinen Mitchristen?

Wie sehe ich ihn?

Mit welchen Augen und aus welcher Perspektive?

Warum - schaue ich auf andere herab und nicht zu ihnen hinauf? ( - )

 

Weil wir mit der Brille des Vergleichs sehen. 

Weil wir im Grunde nicht mit uns selber zufrieden sind. 

Weil wir uns besser fühlen, wenn wir andere - wenigstens gedanklich - 

schlecht gemacht haben. 

Weil der Satan eine Schwäche in uns entdeckt hat, die er ausbeuten will. 

Weil ich so von meiner eigenen Not ablenken kann ...

Deshalb gibt es diesen ganz unguten Hang in uns Menschen

auf andere herab und nicht zu ihnen hinauf zu schauen.

 

Dabei gilt sogar in der Ehe der Grundsatz: 

Du musst die Stärken Deines Ehepartners schätzen (d. h. erstmal sehen!)

lernen, damit Du seine Schwächen übersehen und auch liebevoll

ansprechen kannst. 

 

Viele von uns kennen die Josefsgeschichte aus der Bibel (1. Mose 37,14ff).

Josef ist von seinen Brüder gehasst und geschasst worden. 

Das hat schon ganz früh in ihrer Familie angefangen. 

Aber wie ist es dazu gekommen?

Wie haben die Brüder Josefs auf ihn geschaut?

 

Und wenn wir in der Bibel nachschlagen, 

dann springt es einem auf Schritt und Tritt ins Auge:

Voller Neid (Josef war in den Augen der Brüder das Vatersöhnchen, 

der Stern und Liebling seiner Eltern).

Und aus dem Neid darüber ist mit der Zeit Hass geworden 

und Feindseligkeit!

Sie haben Josef als Sklaven nach Ägypten verkauft, 

es ihm „gezeigt“ und eine Lüge hat die nächste nach sich gezogen. 

Waren sie jetzt zufrieden?

Nein, der Fortgang lässt etwas ganz anderes ahnen ...

 

Am Ende konnte nur durch die Vergebung etwas Heilvolles und

Segensreiches aus dem Ganzen werden, 

aber bis dahin war es pure Not: Josef mit all seinen leidvollen Erfahrungen

und der Rest der Familie in Trauer und Streit. 

 

Gott sei Dank sind allen am Ende die Augen aufgegangen - 

alle haben einen neuen Blick für den anderen bekommen: 

Josef, indem er seinen Brüdern vergeben hat (was für eine Demut, 

sich nicht zu revanchieren, es ihnen nicht Zeit ihres Lebens nach-

zutragen, obwohl er vollständig in der Hand hatte! 

Er hätte so handeln können

und es wäre menschlich betrachtet sogar voll und ganz ok gewesen!)

Aber Gottes Weisheit lehrt uns etwas anderes: 

„Tut nichts ... aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, 

sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst ...

er sehe nicht auf das Seine (sein Recht, seine Emotionen, sein Ehrempfinden), 

sondern auf das, was dem anderen dient (was ihm hilft, Vergebung annehmen

zu können, was ihn anspornt, an der Veränderung seines Tuns zu arbeiten) ...“ 

(Paulus, unser Bibelwort heute).

 

Auch die Brüder von Josef haben so einen neuen Blick gekommen: 

Indem sie sich ganz tief gebückt haben

vor der „Größe“ ihres Bruders, den sie bisher nur gehasst haben. 

 

Ein ganz besonderes Lied steht in unserem Gesangbuch, 

das mir schon sehr wichtig geworden ist: 

Strophe 6 von „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“. 

Da steht nichts von Friede, Freude, Eierkuchen, sondern

von den praktischen Auswirkungen, 

die Jesus in mein Leben bringt, wenn ich IHN für mich „sehen“ lasse:

 

Ihn bittet Paul Gerhardt, der Liederdichter: 

„Lass mich mit Freuden - ohn alles Neiden

sehen den Segen, den du wirst legen

in meines Bruders und Nähesten Haus. 

Geiziges Brennen, unchristlichen Rennen

nach Gut mit Sünde, 

das tilge geschwinde von meinem Herzen

und wirf es hinaus!“ (EG 449).

 

Ich möchte das selber für mich zum Gebet machen. 

Jeden Tag. 

Damit ich sehe, wie Jesus sieht, 

damit ich den rechten Blick bekomme. 

 

 

  1. Es geht um die Schau 

Martin Luther Kings vielleicht berühmteste Worte, 

die fast jeder kennt, sind „I have a dream“

(„Ich habe eine Schau, eine Vision, einen Traum!“).

100 Jahre nach der Aufhebung der Sklaverei in den USA 

stand er auf den Stufen des Lincoln Memorial

und hat seinen Traum verkündet:

Schwarze und Weiße Hand in Hand, in Frieden miteinander lebend ...

wir werden überwinden, wir brauchen keine Angst zu haben, 

Gott selber wird uns dahin bringen ...

 

In Deutschland haben wir‘s eher nicht so mit dem Pathos, 

wir heben nicht so schnell ab - und wer trotzdem abhebt, 

der wird ganz schnell wieder herunter geholt. 

 

Berühmt geworden ist bei uns der Satz von Altkanzler Helmut Schmidt, 

der einmal im Wahlkampf seinem Gegner, der von einer „Vision für

Deutschland“ gesprochen hat, hanseatisch kühl entgegen gehalten hat: 

„Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“

 

Das ist vielleicht für die Politik richtig oder auch falsch ...

je nachdem, wie man es sieht. 

Aber beim Leben im Glauben, 

beim Leben in der Gemeinde als Glaubensgemeinschaft

geht es nicht ohne Vision!

Ich meine das so: 

Ohne Vision, ohne Schau, geht es nicht vorwärts!

 

John Stott, ein ganz großer Evangelikaler Theologe aus England - 

er ist fast genau vor einem Jahr gestorben -, hat einmal geschrieben: 

Ohne Vision geschieht rein gar nichts Positives, 

es kann überhaupt nichts vorwärts gehen. 

Wir brauchen eine Schau, eine Perspektive, 

wenn es um Ziele geht, die zu erreichen sind. 

 

Und er sagt uns auch, wo die Visionen herkommen: 

Aus der von Gott bewegten Betroffenheit und Empörung

über herrschende Missstände - und aus dem ebenfalls von Jesus

Christus bewirkten - Erbarmen darüber. 

 

Das ist so wichtig, gerade wenn wir über dieses Bibelwort heute

nachdenken, wenn es darum geht, von Gott (von Jesus) 

immer wieder die richtige „Sicht“ zu bekommen. 

 

Jesus hatte eine Vision, eine Schau: 

Er hat seinen Jüngern gesagt, sie sollen in alle Welt gehen

und alle Völker zu Jüngern machen!

Sie sollen sich lösen vom „warmen Nest“, 

aufstehen aus der Fernseh-Perspektive,

mit Jesus losgehen. 

Das ist seine Sicht. 

 

Und was wäre das für eine Sicht - vielleicht eine bescheidenere, aber

ganz konkrete: eine Gemeinde, die nach den im Neuen Testament

aufgezeigten Grundlagen funktioniert!?

 

Das würde heißen, dass wir es lernen, zueinander aufzuschauen, 

nicht aufeinander herunter zu schauen, 

dass wir den Balken bei uns selber suchen

und nicht den Splitter beim Bruder. 

Dass wir in uns selbst - durch Annahme bei Gott - so gestärkt 

und zuversichtlich werden, dass wir den Nächsten nicht runterzumachen

brauchen -, nur um uns selber - besser zu fühlen. 

 

Was ist unsere Vision, unsere Schau für uns als Gemeinde?

Wollen wir den Blick füreinander bekommen, 

aus dem eine gemeinsame Vision entstehen kann?

In der jeder seinen Platz und seine Aufgabe hat?

Geht es darum, unseren Teil zur Verwirklichung der Vision, 

die Jesus hat - Menschen zum lebendigen Gott, zum Heil, das 

es allein bei Jesus gibt, einzuladen - hier in Dennach / Schwann - 

und anderswo und so sein Reich zu bauen?

 

Oder sind wir mit dem Status Quo - mit dem, wie man sich landläufig

Kirche eben vorstellt - zufrieden?

 

Geht es bei uns um uns selber 

oder um uns als Gemeinde und als Leib von Jesus Christus?

Das macht einen riesengroßen Unterschied!

 

Ist das nicht eine wunderbare Vision für uns (Phil 2,1-4 erneut lesen:)

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-

schaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht 

meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche

Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut

achte einer den andern höher als sich selbst und ein jeder sehe nicht

auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“?

 

Amen 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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