2011-05-29

Predigt über Lukas 11,5-13 / Dekan Ralf Albrecht

Liebe Gemeinde,

aus Afrika, Surinam, kenne ich folgende Geschichte:

Die Christen eines Ortes hatten einen ganz bestimmten Platz zum Beten. Außerhalb des Ortes, hinter ihren Hütten, ein Stück in den Wald. Und von den einzelnen Hütten führte ein Trampelpfad zu jener Stelle. Jede Hütte hatte ihren Trampelpfad.

Wenn es nun vorkam, dass einer diesen Weg nicht oft nahm, dann kamen andere auf ihn zu und fragten: »Wächst Gras auf deinem Gebetspfad?« Das war ein Zeichen für ihn, wieder häufiger den Weg zum Gebetsplatz zu gehen.

 

Wir wissen: unsere Gebetsplätze sind immer nur einen Herzensgedanken weit weg. Und doch hat jeder und jede von uns auch so einen inneren Gebetspfad. Und die erste Frage heute Morgen ist: wächst da Gras?

Denn wir sind eingeladen zu beten. Vertraulich, regelmäßig. Beten ist ein Geschenk. Hören wir in dieser Hinsicht heute Morgen auf Gottes Wort aus dem Lukasevangelium, Kapitel 11, die Verse 5–13:

5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. 9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn2 um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“

 

So kann Beten aussehen:

 

1. Die geschenkte Begegnung

Die Ratschläge von Jesus zu unserem Gebetsweg sind umrahmt von zwei Gebetsgleichnissen. Und es ist kein Zufall, dass sie jeweils etwas mit ganz vertrauten Personen zu tun haben. 

Jesus vergleicht das Gebet mit einer Begegnung. Mit dem Freund, mit dem Vater. 

Da ist zunächst der Freund. Freundschaft, das hatte im alten Israel einen ganz besonderen Stellenwert. Freunde gehen miteinander durch dick und dünn.

Und hier kommt es ganz dick. Was sich zunächst nach einer ganz gewöhnlichen Bitte anhört, ist ein riesengroßes Anliegen. Bedenken wir: dieser Freund ist bereits mit Sonnenuntergang zu Bett gegangen. Seine ganze Großfamilie einschließlich der damals vielen Kinder liegt in einem Zimmer, vielleicht sogar auf einer Strohmatte unten auf dem Fußboden. Sie alle schlafen. Und jetzt das Anliegen des Anklopfenden. »Gib mir drei Fladenbrote«. Da wehrt der Freund zunächst ab.

Aber der andere lässt nicht locker. Und das hat Erfolg.

So kann man mit Gott reden wie mit einem Freund. Nicht lockerlassen. Geradezu unverschämt bitten. Also ohne Scham. Ohne Rückhalt. Wir müssen nicht zunächst sortieren, sondern können mit allen Bitten zu Gott kommen.
So als zum besten Freund.

 

Und das andere: Gebet als Begegnung mit dem Vater.
Der gute Vater, der hört zu. Der weiß, was wir brauchen. Der gibt. »Wieviel mehr euer Vater im Himmel.«

 

Wie empfinden wir das auf unserem Gebetsweg. Haben wir den Eindruck, am anderen Ende ist eine ganz vertraute Person. Der Freund. Der gute Vater. Oder ist es eher ein ungewohnter, ungewisser Weg, voller Fragen und Zweifel?

 

Die Einladung heute Morgen gilt ganz grundsätzlich:
Machen Sie ganz neu die Erfahrung, lernen Sie Gott als Freund und Vater kennen. Persönlich kennen. Beschreiten Sie den Gebetsweg als einen vertrauten Weg.

 

Wie das beginnt? Einfach gehen! Und Gott alles sagen. Die Anliegen, die Bedürfnisse. Von drei Broten bis hin zu dem, was wir im Innersten brauchen und vielleicht noch keinem Menschen zu sagen wagten.

 

Aus Angst, die sogenannten Freunde könnten mich aus-
lachen.

Aus Angst, ich könnte vor anderen in einem schlechten Licht dastehen.

Aus Angst, zu viel von mir selbst preis zu geben.

Bei diesem Freund, bei diesem guten Vater können wir es.

 

2. Die ausgesprochene Einladung

Kommen wir wieder zurück zu unserer Eingangsgeschichte vom Gebetsweg. Wenn Gras drüber wächst, dann sagen die Leute aus Surinam zueinander: geh! Geh den Gebetsweg. Mach ihn zu Deinem ganz persönlichen Gehweg.

Genau das sagt Jesus auch:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.

Was für eine Einladung da drinsteckt! Jesus lädt ein: mach es! Übers Gebet brauchen wir nicht viel reden, sondern es ist zu tun. Ganz praktisch.

Wer bittet, empfängt. Wer sucht, der findet. Wer klopft, dem wird aufgetan.

Das haben Leute immer wieder erlebt.

Leute der Bibel.

 

Nehmen wir einmal Abraham (1). Gott eröffnet ihm, dass Sodom so verkommen ist, dass es mit Feuer untergehen wird. Und dann geht Abraham den Gebetsweg. Ganz unverschämt bittet er Gott. Verschone Sodom, wenn dort 50 an dich glauben. Oder 45. 40. Bis herunter zu 10.

Nicht einmal die Zehn finden sich letztlich. Aber Abraham bittet – und ihm wird gegeben. Gott rettet die aus Sodom, die glauben.

Bittet, so wird euch gegeben.

 

Nehmen wir Gideon (2). Er sucht eine Entscheidung. Ist er der Richtige, um gegen die übermächtigen, unterdrückenden Midianiter das Volk Israel zum Aufstand zu führen? Er betet – und zweifelt – und sucht. Dreimal will er ein Zeichen. Bis hin zu dem, dass er ein Fell auslegt. Im Regen soll es trocken bleiben. Und im Trockenen soll es am anderen Morgen nass sein. Und er findet die Überzeugung, führt Israel an und befreit sein Volk.

Suchet, so werdet Ihr finden.

Nehmen wir Mose (3). Das Volk murrt, mitten in der Wüste. Kein Wasser weit und breit. Und Gott lässt ausrichten: klopfe an einen Felsen – er wird zur Quelle werden.
Mose versteht nicht, aber er klopft an.

Und Wasser fließt, so dass alle ihren Durst löschen können. Klopfet an, so wird euch aufgetan.

 

Wer den Gebetsweg geht, der erlebt Überraschungen mit Gott. Bitte, nicht immer genau die, die er sich ausdenkt.

 

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Das klingt sehr allgemein. Und das ist Absicht. Ja, es wird uns gegeben, aber was? Ja, wir werden finden, aber wen? Ja, es wird uns aufgetan, aber wo?

 

Jesus spricht nicht: genau das gegeben. Nicht: genau das finden. Nicht: genau dort aufgetan. Gebet braucht offene Augen für die Gaben, das Finden und die offenen Türen Gottes. Und wenn wir beten, werden unsere inneren Augen dafür mehr geöffnet. Dass Gott tut, was er will. Und dass er kann. Und dass wir bitten können: »Dein Wille geschehe!«

Aber es ist doch etwas ganz anderes als die Selbstinterpretation von ein paar, die sich so lange einreden, dass Gebet hilft, bis sie sich selbst überredet haben.

Es ist erfahrbar.

 

Ein kleines Beispiel, das tatsächlich passiert ist. Da stehen ein paar wenige Leute auf dem Bahnhof in Trient, Italien. Nachts um zwei. Der Zug hat Verspätung um Verspätung. Zwei junge Erwachsene stehen noch dabei. Schon neunzig Minuten zu spät. Da schreit es einer der beiden in der klirrenden Kälte durch die Nacht: »Lieber Gott, jetzt mach doch, dass endlich der Zug kommt!«

Im gleichen Augenblick werden die Lichter sichtbar; der Zug biegt um die Ecke. Einer kann den beiden gerade noch zurufen, bevor alle schnell das Warme im Zug aufsuchen: »na, das war eine Gebetserhörung!« Ohne Kommentar suchen sie die Einstiegstür. Zufall?

Nein! Für wen der Gebetsweg ein Gehweg wird, der kann was erleben! Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.
Was für eine Verheißung für den Gehweg Gebet.

 

3. Die regelmäßige Übung

Dazu gehört also, dass wir dran bleiben. Den Freund immer dringlich bitten. Dem Vater immer wieder sagen, was wir brauchen.

Noch einmal zurück zum Bild des Gebetswegs aus Surinam. Es soll an diesem Gebetsweg kein Gras wachsen.
Er soll ausgetreten sein, ständig in Benutzung. Gebet ist mehr als nur eine Kurzübung. Gebet ist ein ganzer Weg, eine ganze Lebenshaltung.

Das ist wie beim Üben eines Instruments oder einer Sportart. Übung macht den Meister. Wie es einmal ein Virtuose am Instrument sagte: wenn ich einen Tag nicht übe, dann merkt es mein Professor. Wenn ich zwei Tage nicht übe, dann merke ich es. Und wenn ich drei Tage nicht übe, dann merkt es mein Publikum.

Genau so ist es mit dem Gebet. Regelmäßig, sonst geht es in der Regel nur mäßig. Am ersten Tag merkt es Gott. Dann merke ich es auch schon selber. Der innere Friede geht flöten. Und am dritten Tag merkt es auch meine Umgebung.

Kein Gras also auf dem Gebetsweg.

Und zwar nicht deshalb, weil sonst die Nachbarn gucken und mich darauf aufmerksam machen, dass mein Gras zu hoch steht.

Auch nicht deshalb, weil es meine Pflicht ist, den Gebetsweg unkrautfrei zu halten. Sondern weil es mir am allerbesten gut tut, diesen Weg einzuüben. Es bringt mir ungeheuer viel.

 

Was bringt es? Jesus schließt damit unseren heutigen
Abschnitt. Er sagt, was wir bekommen, wenn wir beten.
Und es ist das größte Geschenk, das man sich nur vorstellen kann.

»Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben gebt, wieviel mehr wird das der Vater im Himmel tun.«

Und dann nennt Jesus diese gute Gabe, die wir bekommen, wenn wir bitten.

Haben Sie es noch im Ohr? Welche Gabe ist die beste? Worum sollen wir zuallererst bitten? Denn das würde doch unsere vielen Gebetswünsche neu zurechtrücken. Wenn wir wüssten, was wirklich wichtig ist.

Es ist: das Gebet um den Heiligen Geist. Der Freund, der gute Vater, wird den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten. Das ist die beste Gabe.

Nehmen wir uns Zeit zum Gebet. Begeben wir uns auf unseren Gebetsweg. Suchen wir das vertraute Gespräch mit Gott. Wir nehmen uns jetzt im Moment, zum Schluss der Predigt, dafür ein paar Augenblicke der Stille.

 

Gebetsstille

 

Guter Vater im Himmel, gib du uns, was du uns gerne gibst, deinen Heiligen Geist.   Amen. 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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