2010-05-16

 Predigt über Epheser 3,14-21 / Pfarrer Dr. Wolfgang Schnabel, Filderstadt

Liebe Gemeinde, 

leben Sie Ihren Glauben unter Ihren Möglichkeiten? Fühlt sich Ihr Glaube verflacht, oberflächlich und leer an? Wenn ja, was ist zu tun? Vielleicht an einem begeisternden Kongress teilnehmen wie dem Europakongress in Basel, wo sich Ende vergangenen Jahres 30.000 Menschen von der amerikanischen Starpredigerin Joyce Meyer zu einer »Revolution der Liebe« aufrufen ließen? Oder ein inspirierendes Buch lesen wie den millionen-fach verkauften Weltbestseller »Die Hütte: ein Wochenende mit Gott« von William Paul Young? Oder sich auf eine geistliche Wanderung aufmachen wie den Jakobsweg, den auch Hape Kerkeling vor einigen Jahren beschritten und in seinem Buch »Ich bin dann mal weg« erfolgreich beschrieben hat? 

Wird so ein entwurzelter Glaube wieder eingewurzelt, ein verflachter Glaube wieder eingegründet, ein entleerter Glaube wieder gefüllt? Oder wäre nicht ganz Anderes nötig und notwendig? Hören wir, wie der Apostel Paulus dieses Problem eines erschlafften und angefochteten Glaubens angeht in Epheser 3, 14–21:

„14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. 18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

(1.)

Erstaunlich, wie Paulus den ermatteten Glauben der Christen in Ephesus stärken möchte – nicht durch leiden-schaftliche Appelle, nicht durch kluge Belehrungen, nicht durch ernste Ermahnungen, sondern – durch gefaltete Hände. Nicht die Aktion steht für Paulus an erster Stelle, sondern die Kontemplation. Paulus betet für unseren Glauben, weil wir das nötig haben. Unser Glaube lebt also im Letzten nicht von großartigen Erlebnissen und Eindrücken, auch wenn er dadurch wieder neu belebt werden kann. Unser Glaube lebt im Ersten und im Letzten von gebeugten Knien und gefalteten Händen. Und warum? Weil nicht ich meinen Glauben in Bewegung halten kann, sondern derjenige, der ihn in mir geweckt hat: Der Heilige Geist! 

»Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben … kann, sondern der Heilige Geist hat mich … im rechten Glauben geheiligt und erhalten« (1). Es geht beim Glauben also nicht um meine Möglichkeiten, deshalb geht es auch nicht um meine Erfolge oder um meine Niederlagen. Sondern es geht um Gottes Möglichkeiten, die über meinem Bitten und Verstehen meine Erfolge und meine Niederlagen umschließen. Und weil der Heilige Geist die Quelle für meinen Glauben ist, die wie Wasser trockenes Land bewässert, darum ist das Gebet Glauben erhaltend. Denn im Gebet spricht Gott, der Heilige Geist in mir mit Gott dem Heiligen Geist, dem Sohn und dem Vater außer mir. 

Beten ist also in seiner tiefsten Form kein Gespräch zwischen mir und Gott, sondern ein innergöttliches Gespräch, bei dem ich zuhören darf. Und bei diesem Zuhören, wie Gott sich mit Gott unterhält, lerne ich, Gottes Willen immer besser zu erkennen und mich in Gottes Willen immer besser hineinzubeten. 

Martin Luther hat dazu Folgendes ausgeführt: »Es kommt wohl oft vor, dass mir in einer Bitte so reiche Gedanken kommen, dass ich die andern alle anstehen lasse. Und wenn einem solche reichen, guten Gedanken kommen, so soll man die andern Gebete fahren lassen und diesen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern. Denn da predigt der Heilige Geist selber, und ein Wort seiner Predigt ist besser als tausend unserer Gebete. Ich habe auch in einem Gebet oft mehr gelernt, als ich aus vielem Lesen und Nachdenken hätte kriegen können.«

 

Auf Gottes Reden hören, das ist der Lebensatem unseres Glaubens, das versorgt ihn mit Sauerstoff. Deshalb brauchen wir das Gebet. Und weil wir das Gebet brauchen, brauchen wir den Heiligen Geist. Und weil wir den Hei-ligen Geist brauchen, brauchen wir wiederum die Bitte um den Heiligen Geist. 

Nächsten Sonntag feiern wir Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Und heute, am Sonntag Exaudi, bittet die Kirche um den Heiligen Geist. Und sie hat ihn wahrhaft nötig. 

Patriarch Athenagoras hat dies so auf den Punkt gebracht: »Ohne den Heiligen Geist ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium ein toter Buchstabe, ist die Kirche ein bloßer Verein und das christliche Leben eine Sklavenmoral. Mit dem Heiligen Geist ist Gott nah, ist Christus jetzt da, sprüht das Evangelium vor Leben, ist die Kirche eine Heimat und das christliche Leben frei und stark.«      

Die Bitte an den Heiligen Geist um den Heiligen Geist, dass er sich uns selbst schenkt und uns erfüllt, dass wir durch seine Einhauchung wenigstens den Hauch einer Ahnung von dem bekommen, wer und wie Gott ist, diese Bitte sollte nicht nur am heutigen Sonntag im Mittelpunkt stehen. Nicht von ungefähr ist eines der ältesten Lieder in unserem Gesangbuch das Lied »Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist« von Martin Luther, das auf den frühmittelalterlichen Hymnus »Veni creatur Spiritus« von Hrabanus Maurus zurückgeht. Wenn uns der Heilige Geist beim Beten anleitet, wissen wir auch, wofür wir beten sollen. »Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen« (Römer 8, 26). 

Wenn wir uns dem Heiligen Geist beim Beten überlassen, führt er uns in Dimensionen, deren Breite und Länge, Höhe und Tiefe wir gar nicht ermessen können. Der Heilige Geist orientiert sich dabei allerdings nicht – Gott sei’s gedankt – an unserem Fassungsvermögen. Sondern er gibt über Bitten und Verstehen, überschwänglich und überfließend, in einer Fülle, die alles erfüllt, in einer Erkenntnis, die alles Erkennen übertrifft.

Paulus scheinen hier beim Beten ja beinahe die Worte zu fehlen. Er ringt und sucht nach Begriffen, die Unbegreifliches begreiflich machen sollen. Der Völkerapostel beginnt dabei mit der Fürbitte und geht über zur Anbetung. Und wenn wir von Paulus lernen wollen, dass seine Ausführungen in seinen Briefen immer wieder in Gebete einmünden, dann wollen wir jetzt seine Worte nicht einfach lehrmäßig auslegen, sondern meditierend nachbeten, in den Dimensionen, die hier aufleuchten: ganz persön-lich im Herzen, weltweit in der Christusherrschaft, allumfassend in der Gottesfülle.

(2.)

Gott Vater, Schöpfer des Himmels und der Erden, wir dürfen dich Vater nennen. Das ist ein ungeheures Vorrecht, das du uns gibst. Denn aller Himmel Himmel können dich nicht fassen. Wir können dich nicht sehen und schon gar nicht begreifen. Wir können nur niederknien vor dir, uns demütig vor dich hinwerfen und uns dir unterwerfen. Wir können nur dich anerkennen als denjenigen, der tötet und wieder lebendig macht. Der Macht hat, alles zu geben und alles zu nehmen. Denn wir sind nur Staub vor dir. 

Und trotzdem, trotz allem, dürfen wir dich Abba, lieber Vater, nennen. Durch deinen lieben Sohn Jesus Christus sind wir jetzt auch deine geliebten Söhne und Töchter. Wir haben Zugang zu deinem Herzen, weil er am Kreuz den Weg frei gemacht hat. Der Tempelvorhang ist zer-rissen. Du bist dabei nicht nur unser Vater, sondern der Vater aller deiner Kinder im Himmel und auf Erden. Alle Engel, Kinder deines Wohlgefallens, alle verstorbenen Christen, Kinder deiner Güte, alle lebenden Christen, Kinder deines Erbarmens. Mit ihnen, den Engeln und den Seligen, sind wir verbunden, wenn wir dich anrufen als unseren Vater. In Jesus Christus, deinem lieben Sohn. 

Darum werden sich am Ende der Zeiten im Namen Jesu aller derer Knie beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind. Und sie werden zu deiner Ehre bekennen, dass Jesus Christus Herr ist. 

Himmlischer, gütiger, allmächtiger Vater, gib uns Kraft, aber nicht nach der Größe unserer Erwartung, nicht nach der Enge unseres Misstrauens, sondern gib uns Kraft nach dem Reichtum deiner Herrlichkeit. Setze uns in Bewegung, verleihe uns Dynamik, schenke uns Aufbrüche. Verändere deine Kirche und fange bei uns an. Stärke uns nicht einfach äußerlich. Wir bitten dich nicht um große körperliche oder seelische Kräfte. Denn wir wissen und glauben: Deine Kraft ist auch in den Schwachen mächtig. Nein, stärke uns innerlich, richte uns auf durch dich und richte uns aus auf dich. 

Stärke unsere Einsicht, immer besser zu unterscheiden zwischen dem, was richtig ist und dem, was falsch ist. Dazu brauchen wir deine Blickrichtung. Stärke unseren Willen, immer mehr dem Bösen zu widerstehen und das Gute umzusetzen. Dazu brauchen wir deine Motivation. Stärke unsere Sehnsucht, immer tiefer dich und deine Heilspläne erkennen zu wollen. Dazu brauchen wir deine Weisheit. 

Herr Jesus Christus, wir bitten dich: Nimm du selbst Wohnung in unserem Herzen. Werde du nicht nur Teil unseres Lebens, sondern der bestimmende Faktor. Nimm Anteil an allem, was uns bewegt. Sei unserem Herzen so nahe, dass du immer hören kannst, wie es schlägt: schnell und unruhig, weil wir uns fürchten und sorgen; schnell und freudig erregt, weil wir uns freuen und fröhlich sind; schnell und angespannt, weil wir viel arbeiten und unter Stress sind; langsam und ruhig, weil wir ruhen: Bringe unseren Herzschlag auf die gleiche Frequenz wie den deinen. Dass unser Herz genauso für andere zu schlagen beginnt wie das deinige. Reiße darum alle Lieblosigkeit und Herzlosigkeit aus unserem Herzen heraus. Verwur-zele uns dafür tief und fest in deiner herzlichen Liebe. 

Damit deine Liebe uns auch dann noch trägt, wenn wir sie nicht mehr spüren und wenn wir keine Liebe mehr für andere haben. Mach unser Herz weit, dass es nicht nur auf uns und unser Wohlergehen und unseren Glauben sieht. Sondern dass es die ungeheure Weite erkennt, mit der dein Herz diese ganze Welt umspannt. Wir sind nicht für uns allein mit dir herzlich verbunden, sondern auch mit allen Heiligen, mit allen Menschen, die zu dir gehören und deinen Vater auch als ihren Vater haben. Wir bitten dich deshalb besonders für unsere verfolgten Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt, besonders in kommunistischen Staaten wie Nordkorea, Vietnam und China und in islamischen Staaten wie Pakistan, Iran und Sudan. Wohne du durch den Glauben auch dann noch in ihren Herzen, wenn ihre Kirchen und Häuser niedergebrannt werden. Wurzele sie in der Liebe auch dann noch ein, wenn ihre Kinder entführt und sie selbst eingesperrt werden. Herr Jesus Christus, du bist in unsere Welt gekommen, und du willst auch in unser Herz kommen. 

Aber nicht als Gast, sondern als Dauerbewohner. Komme in die Wirklichkeit unseres Lebens und ziehe uns zugleich in die Wirklichkeit deines Lebens. Damit wir mit deinen Augen des Herzens unsere Wirklichkeit zu sehen lernen und sie dadurch in einem anderen Licht erscheint. Nicht verklärt und beschönigt, aber aufgenommen und aufgehoben in deinen durchbohrten Händen. Um deine ungeheure Liebe zu erkennen, die selbst im tiefsten Leid nicht gebrochen werden konnte. Du hast am Kreuz gesiegt – über Sünde, Hölle, Tod und Teufel. Und du wirst am Ende der Zeiten alle Mächte und Gewalten in einem Triumphzug hinter dir her marschieren lassen. 

Deine Liebe wird allen Hass und alles Widergöttliche besiegen. Dann wirst du all die vielen Tränen, die jetzt und noch in Zukunft geweint werden, abwischen von unseren Augen. Gib uns diese geistliche Erkenntnis, wenigstens ansatzweise in deinen Dimensionen und in deinen Zeiträumen zu denken, dass uns kleiner werd’ das Kleine und das Große groß erscheine – sel’ge Ewigkeit.

Gott Heiliger Geist, wir bitten dich, dass du uns erfüllst mit dieser überfließenden Gottesfülle. Wir können ausbrennen, du kannst uns neu entzünden. Wir können in oberflächliche Routine verfallen, du kannst uns neu inspirieren. Wir können uns von der Liebe Jesu entfernen, du kannst ihn uns neu nahe bringen. Wir können rätseln und fragen, du aber kannst uns über Bitten oder Verstehen Erkenntnisse schenken. Wir können im Gebet erlahmen, du kannst uns neue Wege auftun. Wir können im Bibellesen nachlässig werden, du kannst in uns neue Sehnsucht entfachen. Wir können uns mit manchen Mitchristen schwer tun, du kannst uns die Liebe für sie geben. Wir können die Größe Gottes aus dem Blick verlieren über unseren Alltagsproblemen, du kannst uns Gott neu groß machen. 

Darum führe uns in die Anbetung, Heiliger Geist, dass wir dich ehren mit dem Vater und dem Sohn, denn dir allein, dreieiniger Gott, gebührt Anbetung. Du allein bist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Wir brauchen nicht alles zu verstehen. Es ist genug, dass du alles in allem bist für Zeit und Ewigkeit.   Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 22.04.2018
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10:15 Uhr:
Konfirmations-Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Wassermann)
Dienstag, 24.04.2018
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17:45 Uhr:
Jungschar für alle Jungen und Mädchen im GH in Dennach
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 25.04.2018
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Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 26.04.2018
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Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann