2010-03-14

Predigt über 2. Kor 1,3-7 / Pfarrer Ulrich Hilzinger, Höfen a. d. Enz

Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext steht im 2. Korintherbrief. Korinth war so etwas wie das Rotterdam der Antike im östlichen Mittelmeer: Eine unglaublich rührige Wirtschaftsmetropole… mit allen Licht- aber auch Schattenseiten: Die Handelsware »Korinthen« sind uns heute noch ein Begriff. Das griechische Wort »korinthiazestai« aber, »wie ein Korinther leben«, war ein Teil der griechischen Sprache geworden und bedeutete, viel Alkohol zu konsumieren und unsittlich zu leben.
 
So rührig wie ihre Stadt waren auch die dort lebenden Christen. Nirgendwo wird so viel von den Geistesgaben geredet, wie in den Briefen an diese Gemeinde. Aber auch die christliche Gemeinde hatte ihre Licht- und Schattenseiten: Die Korinther hatten es offensichtlich gerade sehr schwer. Paulus spricht gleich zu Anfang des Briefes von Trost.

Wir  hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus 2. Kor 1,3-7:
„3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

Natürlich gehören Leiden und Trösten irgendwie zusammen. Was aber hat  der Lobpreis hier mit Trost zu tun?
Ist er nur eine Floskel? Gehen wir der Sache in drei Schritten nach:

1. Können wir einander wirklich trösten?


Kann ich als Mensch überhaupt Trost vermitteln?
Oder kann ich nur zusehen, wie ein anderer leidet; nur mit hilflosen, platten Floskeln meine Unfähigkeit in dieser Sache demonstrieren oder versuchen, zu verdecken?
Wie kann ich helfen, wenn jemand weiß, dass er stirbt? Wie, wenn jemand gestorben ist? Was soll ich sagen, wenn eine Beziehungskatastrophe passiert ist, wenn
Arbeitslosigkeit oder existenzielle Ängste drohen, wenn Träume zerborsten sind?

Sind Menschen im Leiden letztlich doch immer völlig allein? Hermann Hesse formulierte genau das als seine Erkenntnis in folgendem Gedicht:
»Seltsam  im Nebel zu wandern,
einsam ist jeder Busch und Stein,
kein Baum sieht den andern,
 jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war.
Nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise,
von allen ihn trennt.
Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamkeit.
Kein Mensch kennt den andern;
Jeder ist allein!«

Hesse hat die Gefahr erkannt, dass wir Menschen oft genug mit Vertröstung an Stelle von echtem Trost hantieren. Seine Konsequenz ist einfach und schrecklich: Es kann nicht anders gehen. Leben ist Einsamkeit. Jeder ist allein. Da müssen wir durch. PUNKT. ENDE.

Wenn wir uns verschiedene vertröstende Worte ansehen, kann man diese Erkenntnis durchaus auch  durchschimmern sehen: »Es wird schon wieder.« »Zeit heilt alle Wunden.« »Man hat´s net leicht.« »’S Leben ist halt schwer.« »Alles halb so schlimm!« »Schicksal!« »Lerne leiden, ohne zu klagen.«...
(weitere Beispiele können eingefügt werden)
Solche Vertrost-Worte spiegeln oft nur die Hilflosigkeit dessen, der sie ausspricht. Sie kommen bei dem Trost-
bedürftigen nur schwer an, perlen ab.
Ist also doch jeder allein?


2. Gemeinschaft bringt Trost
Paulus sieht dieses Thema ganz anders, als der schwäbische Missionarssohn Hesse: Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Der schlechteste Weg, so können wir Paulus verstehen, ist, Trost nur bei sich selbst zu suchen oder ganz allein zu kämpfen. Trost geschieht da am besten, wo Gemeinschaft ist. Deshalb berichtet Paulus auch im Abschnitt, der direkt nach unserem Predigttext zu lesen ist, von seinen eigenen Erfahrungen: Er erzählt, dass er schon am Leben verzagt hatte. Er konnte nicht mehr glauben, dass alles gut ausgehen werde und hatte abgeschlossen. Wir erfahren nicht, worum es konkret ging. Der Apostel berichtet nur, dass etwas vorgefallen war. Er erfuhr dann aber, dass Gott bei ihm ist, dass Gott ihm hilft.

Als selbst »gebranntes Kind«, als einer, der auch schon ein schlimmes Tief durchlebt hat, spricht Paulus zu den Korinthern. Er macht sich damit solidarisch, sagt ihnen: »Ich stehe kein bisschen über euch, ich habe Trost genau so nötig wie ihr.«
»Trostgemeinschaft« nennt man das auch. Wenn ein anderer mit mir das Schlimme aushält, wenn er nicht davor wegläuft, dann ist schon viel Trost geschehen. Und noch mehr, wenn der Leidende weiß: »Der, der mich tröstet, kennt das Gefühl oder die Situation auch. Ich bin nicht allein mit meinen Gefühlen und Gedanken. Sie sind gar nicht so einmalig oder so abartig, wie ich gedacht habe.«
Leiden verbindet!

In einer Gemeinde litt eine Frau mittleren Alters an Krebs. Sie hatte durch ihre Krankheit in ihren letzten
5 Lebensjahren den Weg zu einem lebendigen, kräftigen und aktiven Glauben gefunden. Ein gutes Jahr vor ihrem eigenen Tod konnte sie einem Ehepaar, das im vorigen Jahr seinen 18jährigen Sohn verloren hatte, den Weg zu Gott ebnen. Außer ihr kam niemand so recht an die verwaisten Eltern heran. Aber das Leiden verband sie, schaffte eine Ebene auf der miteinander reden und aufeinander hören möglich war.
 
Eine Erkenntnis Luthers war, dass zwar aller Trost letztendlich von Gott kommt, dass zugleich aber die Menschen als Vermittler dieses Trostes notwendig sind. Wir können uns nicht selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen, wir sind keine Lügenbarone und wir heißen nicht »Münchhausen«. Wir brauchen die gemeinschaftliche Unterstützung und die geistliche Unterstützung der Gemeinde Jesu. Wir brauchen es, gemeinsam mit andern vor Gott treten zu können, um uns von ihm beschenken zu lassen. Mit innerer Ruhe und mit Trost für unsere immer wieder wunden Seelen.

Ich halte es für einen großen Fehler, wenn Menschen behaupten, sie könnten auch Christen sein ohne andere Christen, ohne Kirche, ohne Gottesdienst. Diese Menschen verwechseln »ordentlich und ehrlich leben« mit »leben aus Gottes Kraft« und mit »Lebenshilfe durch seinen Trost«.

»Gemeinschaft« heißt das Stichwort. Gemeinschaft mit Menschen. Gemeinschaft mit Menschen vor Gott. Gemeinschaft mit Gott.

3. Wie kommt der Trost Gottes zu uns? 
Oder: Vom Lobpreis zum Trost


Auch Paulus bleibt nicht bei dem wichtigen Aspekt der Trostgemeinschaft stehen. Paulus spricht dezidiert vom »Gott allen Trostes«. So wie Gott die personifizierte Liebe, wie Jesus der personifizierte Weg zu Gott ist, so ist Gott auch der »Ursprung allen Trostes«! Jeder andere Trost ist im Vergleich dazu Vertröstung, jedes auch noch so gut gemeinte Wort ist im Vergleich dazu Hilflosigkeit. Gott ist echter und hat richtigen Trost.
Wie kommt aber nun der Trost Gottes konkret zu uns Menschen?

Einen Hinweis erhalten wir dadurch, dass dieser Brief des Paulus untypisch beginnt: Nicht mit einer Danksagung für das Gemeindeleben oder dafür, dass Gott schon so viel Gutes gewirkt hat, sondern mit einem Lobpreis Gottes: Paulus stellt den Lobpreis Gottes an den Anfang der Kommunikation und damit der Gemeinschaft, die trösten soll.

Warum? Weil Lobpreis und Trost eng zusammen hängen.
Die ganze Bibel ist erfüllt vom Lob Gottes; es klingt in jedem Buch der Bibel an, ganz besonders aber in den Psalmen und interessanterweise in den Klageliedern. Vom Hebräischen her hat »loben« (1) die Grundbedeutung »bekennen, bejahen«. Vom griechischen her »loben, preisen, ehren« (2). Es ist auch das Wort für »Herrlichkeit, Ehre, Pracht oder Macht«. Unser Wort »loben« gibt also nur annähernd das wieder, was in der Bibel unter Loben verstanden wird.

Wenn wir von Lobpreis Gottes sprechen, bekennen wir einerseits, dass Gott lebt und unser Herr ist voller Ehre und Pracht. Andererseits loben wir ihn für alles, was er in unserem Leben tut und wir bekennen seine Herrlichkeit und Macht. Im AT gibt es eigentlich gar kein Wort für »danken«. Es heißt »loben«. Wer Gott danken wollte, lobte ihn. Lobpreis Gottes ist so die Fortführung des Dankes an Gott. Es ist ein Dank, der in Anbetung übergehet.
Was hat das nun aber mit Trost zu tun?

Der Lobpreis Gottes richtet unser Herz auf etwas anderes aus, als auf das, was uns gerade fehlt. Bitten ist wohl wichtig, befasst sich aber v.a. mit Mangel, Ängsten und Negativem. Lobpreis richtet unser Herz daraufhin aus, was wir alles zu danken haben und woran wir uns freuen können.
Er richtet uns daraufhin aus, dass wir uns wieder bewusst machen: Gott ist tatsächlich da! Und Gott ist ein wunderbarer, gütiger, geduldiger und freundlicher Herr.

Außerdem kommt Gott uns ganz nahe im Lobpreis, denn wir öffnen uns dann für ihn und er kann zu uns kommen und uns mit seinem Heiligen Geist erfüllen. Das ist es, was uns letztlich wieder stark macht, was unsere aufgeriebenen, wunden Seelen tröstet.

Deshalb fängt Paulus diesen Brief nicht nur mit einem Dank, sondern mit einem Lobpreis an. Er weiß: Diese Ausrichtung, von uns weg und auf Gott hin zu sehen, ist unsere wirkungsvollste Handlungsweise, um echten Trost zu bekommen!

So fasse ich zusammen: Hesse hat unrecht! Wir sind nicht allein. Es gibt einen Ausweg.

Danken öffnet den Horizont. Anbetung hilft uns, von uns weg zu sehen, öffnet uns, so dass Gott uns erfüllen kann mit seinem Heiligen Geist. Damit stärkt er gleichzeitig unsere Seelen, gibt uns Trost und rüstet uns aus für die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben.

In welcher Form wir Gott Lobpreis geben, bleibt uns und unserer momentanen Situation überlassen. Wir können im Gebet allein vor Gott kommen, aber es hat eine besondere Stärke, wenn wir es gemeinsam tun. Paulus weiß, dass Lobpreis viel intensiver erlebt wird, wenn wir Menschen uns zusammen tun, wenn wir uns unsere Bedürftigkeit gegenseitig eingestehen, wenn wir nicht die Starken mimen, sondern wenn wir gemeinsam vor Gott treten und uns gegenseitig unterstützen in der Ausrichtung auf ihn hin.

Wir können ihm singen, gemeinsam oder allein. Das ist eine Möglichkeit, die auch Luther schon empfohlen hat für wunde Seelen. Wir können für Gott Musik machen oder für ihn tanzen und wir können ganz still vor ihn kommen und zu ihm reden.

Gott erkennt immer, wenn wir bereit sind, von uns weg und auf ihn hin zu sehen und dies dann auch tun. Und er erfüllt uns und tröstet uns dann. Lassen Sie uns diese Paulusworte zu unseren machen: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. Amen.






Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Mittwoch, 20.06.2018
19:00 Uhr:
Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 21.06.2018
14:30 Uhr in Schwann:
Asylarbeit in Straubenhardt (Gustav Bott, Netzwerk Asyl)
18:30 Uhr:
Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann
19:00 Uhr:
Jugendkreis 16+ im GH Schwann
Freitag, 22.06.2018
17:00 Uhr:
Bubenjungschar 6-12 Jahre im GH Schwann
18:15 Uhr:
Mädchenjungschar 8-13 Jahre im GH Schwann (Gewusst wie)
Sonntag, 24.06.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer M.Gerlach)