2009-12-27

Predigt über 1. Joh 1,1-4 / Pfarrer Christoph Hillebrand, Asselfingen (ersatzweise)

Liebe Gemeinde! 

Stellen Sie sich vor: Sie sind bei einem Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft als Zuschauer im Stadion live mit dabei. Ein packendes Spiel. Schnell! Auf hohem Niveau! Spannend! Und das Ergebnis: 6 zu 1 für Deutschland. Ein großartiger Sieg! Beschwingt und aus-gelassen fahren Sie wieder nach Hause. An der Haustür treffen Sie Ihren Nachbarn. Gerade wollen Sie anfangen, von dem Spiel zu erzählen, da sagt der: »Sie kommen wohl grade vom Länderspiel?! Na das war ja eine Pleite. 5 Minuten habe ich im Fernsehen angeschaut. Und schon haben die Deutschen ein Tor kassiert. Da bin ich lieber in den Schuppen zum Holzhacken gegangen.«

Was würden Sie tun? Sicherlich würden Sie leiden-schaftlich protestieren: »Was heißt hier Pleite? 6 zu 1 haben wir gewonnen! Ich war doch selbst dabei. Ich habe selbst alles gesehen! Ein super Spiel. Eine tolle Stimmung. Eine klasse Leistung. Und mit dem einen Gegen-tor: Da haben Sie nur die ersten 5 Minuten gesehen, in denen die Spieler noch ein bisschen unkonzentriert wa-ren.« 

Unser heutiges Bibelwort enthält auch einen leidenschaftlichen Protest. Energisch weist der Jünger und Evangelist Johannes hier die Irrlehre zurück, die sich in der Empfängergemeinde breit zu machen droht. Leider ist nicht mehr genau auszumachen, an welche Gemeinde Johannes seinen Brief geschrieben hat. Ein Grund dafür liegt darin: Johannes kommt gleich zur Sache. Keine Anrede! Auch keine Angabe des Absenders. Und kein Gruß. Das ist ziemlich merkwürdig für einen Briefan-fang. 

Das alles lässt Johannes weg. Zu drängend ist das, was er sagen muss, als dass er sich mit irgendwelchen traditio-nellen Formalitäten aufhalten könnte. 

Und es ist Ihnen beim Zuhören sicher aufgefallen: Das ist eine geballte Ladung! Keine flüssig formulierten Sätze, einer hinter dem anderen, die so an den Ohren vorbeiplätschern. Sondern: Alles hineingestopft in ein Satz-Bündel, mit einer ungeheuren Dichte. 

Johannes überschlägt sich fast. Das will, das muss er der Gemeinde unbedingt sagen. 


1. Jesu Jünger verkündigen nur das, was sie selbst miterlebt haben 

Dreimal in diesem kleinen Abschnitt, dreimal wiederholt es Johannes eindringlich: Gehört. Gesehen. Betastet. 

Was wir euch von Jesus verkündigen, haben wir selbst gehört. Es ist nicht einfach etwas nebenher Aufge-schnapptes. Etwas, das wir nur so vom Hörensagen ken-nen. Sondern wir waren Ohrenzeugen. 

Was wir euch von Jesus verkündigen, haben wir selbst gesehen. Es ist nicht etwas, das uns über viele Ecken berichtet wurde. Sondern wir waren Augenzeugen. 

Was wir euch verkündigen haben wir mit unseren eignen Händen betastet. Es sind nicht einfach nur schöne Ge-schichten. Sondern wir waren hautnah an den Gescheh-nissen beteiligt. 

Ohren. Augen. Hände. – Hören. Sehen. Tasten: Die drei Sinne, mit denen wir die Wirklichkeit um uns herum wahrnehmen, haben sich von dem überzeugt, was Johan-nes, was die Jünger Jesu von ihm verkündigen. 

Ein Grundzug, der sich durch die ganze Bibel hindurch wieder findet. Beharrlich wird immer wieder darauf hin-gewiesen, direkt oder indirekt. Was wir anderen Men-schen weitersagen und für sie aufschreiben, wir haben uns das nicht ausgedacht. Sondern: Es ist wirklich so geschehen. Dafür sind wir Zeugen! Es kann einem beim Bibellesen auffallen, wenn wir bei den Berichten von Jesu Taten und Worten immer wieder auch die Namen der Jünger und Jüngerinnen genannt bekommen, die bei einem bestimmten Ereignis mit dabei waren. Die Evan-gelisten möchten damit aber nicht in erster Linie den einen oder anderen Jünger hervorheben. Sondern sie weisen ihre Hörer und Leser darauf hin: »Der oder die war mit dabei! Den oder die könnt ihr fragen! Diese Personen sind die Zeugen. Gehört. Gesehen. Betastet.«

Denken wir gerade in diesen Tagen an die Weihnachtgeschichte im Lukasevangelium. »Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus aus-ging, dass alle Welt geschätzt würde ...«. Die Worte sind uns wohl vertraut: Der Evangelist Lukas berichtet von der Geburt Jesu. Von den Engeln und den Hirten. Von Josef und Maria: »Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« – so schreibt er gegen Ende der Weihnachtsgeschichte. Da sehen wir nicht nur eine überglückliche Mutter mit ihrem ersten Kind vor uns. 

Diese Worte sind ein deutlicher Hinweis. Lukas gibt seinen Lesern darüber Rechenschaft, woher er seine Informationen hat. Über die Geburt Jesu und wie es dazu kam: Aus Kreisen um die Familie Jesu. Vielleicht sogar von Maria selbst. Wer nachfragen möchte, wie das war: mit der Schwangerschaft aus heiterem Himmel, mit der beschwerlichen Herbergssuche in Bethlehem, mit der Geburt im Stall und dem Kind in der Krippe, mit den Hirten, denen der Engel die frohe Weihnachtsbotschaft gebracht hat und die kamen, um mit eigenen Augen zu sehen, was der Engel verkündigt hat. Der kann Maria fragen. »Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«.

Das ist ganz wichtig, liebe Gemeinde! Die Zeugen Jesu: Sie verkündigen keine Märchen und Legenden. Nicht etwas, was Menschen sich ausgedacht haben. Keine herz-bewegenden Romane. Sondern das, was sie mit Gott erlebt haben. Das hat Konsequenzen, gerade in unserer Zeit: Zum einen sollte es uns besonders kritisch gegenüber dem machen, was wir über Themen des Glaubens im Fernsehen gezeigt bekommen, und was in den Medien darüber besonders lautstark angepriesen wird. Immer wieder wird da von angeblich sensationellen Entdeckungen berichtet, die die Kirchen angeblich aus Angst vor Veröffentlichung geheim halten. Was dann gezeigt wird hat mit dem, was in der Bibel steht, meist wenig zu tun. Aber die Bibel wird dabei gern von vornherein als eine Art unbrauchbares Märchenbuch abgetan. Je schräger die revolutionären Erkenntnisse, desto besser, so hat man als Zuschauer manchmal den Eindruck. Vor einiger Zeit kam im Fern-sehen zum Beispiel eine Dokumentation von Erich von Däniken (geb. 1935 in der Schweiz), in der er beweisen wollte, dass Jesus in Wirklichkeit ein Außerirdischer, so eine Art verkleidetes Marsmännchen war. Und das war kein vorgezogener Aprilscherz! 62 Millionen Bücher hat Däniken mit seinen diversen Theorien bereits verkauft.

Die Masche ist nicht neu. Schon der Apostel Johannes setzt sich in seinem Brief mit Irrlehrern auseinander, die ihre eigene ganz neue Sicht von Jesus und seinem Werk verbreiteten. Mit Jesu Geburt im Stall, und seinem Leiden und Sterben am Kreuz wussten sie nicht viel anzufangen. Stattdessen priesen sie Jesus als kosmischen Erlöser an. Johannes protestiert. Was wir verkündigen, haben wir selbst so erlebt. Wir sind Zeugen. Zeugen von Jesus, 

dem Mensch gewordenen Sohn Gottes. Und Zeugen vom Leben, das Jesus ist und das er uns schenkt.

2. In Jesus ist das Leben erschienen

Das Leben selbst. Wirkliches, tiefes Leben. Die Fülle des Lebens. Ewiges Leben. Und in Jesus können wir’s haben. Nach dem Leben sehnen wir uns alle. 

Ständig sind wir auf der Suche. Wer von uns hätte sich nicht vorgenommen: »Ich möchte etwas vom Leben ha-ben. Ich möchte aus meinem Leben etwas machen, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich wirklich gelohnt.« Und es gibt viele Dinge, die wir spontan mit dem Begriff Leben verbinden: Das gute Essen in den vergan-genen Festtagen. Lange im Voraus geplant. Etwas ganz besonderes. Mit auserlesenen Zutaten. Liebevoll zubereitet und auf dem Sonntagsgeschirr serviert. Oder die Familie, der Ehepartner, die Kinder – auch ein Inbegriff für das Leben. Ebenso gute Freunde. Für viele ist die Gesundheit das wichtigste im Leben. Und wieder andere verbinden mit dem Leben die sechs Wochen Urlaub im Jahr, oder die Schulferien.

Doch das Leben, das Johannes erfahren hat, ist noch mehr. Wirkliches Leben geht noch tiefer. Denn alles, was ich aufgezählt habe, ist ja vergänglich. Oder kommt gar nicht zustande: Wer kennt das nicht: Ein wunderbares Essen steht auf dem Tisch – und keinem schmeckt’s, weil alle sich streiten und nerven. Der Urlaub, lange herbei ersehnt – und dann werden die Kinder krank. Außerdem. Das wäre ja schrecklich: Wenn wir nur sechs Urlaubs-Wochen im Jahr richtig leben könnten! Denn das hieße ja: 46 Wochen im Jahr vegetieren wir eben so dahin. 

Johannes bezeugt: »In Jesus ist das Leben erschienen.« Nicht nur etwas vom Leben. Ein paar schöne Stunden. Sondern erfülltes, ewiges Leben. Auch in seinem Evangelium hat Johannes das besonders betont. Jesus liebt das Leben. Und teilt Leben in Fülle aus. Das erste Wunder, von dem Johannes berichtet, geschieht auf der Hochzeit zu Kana. Jesus ist dort als Gast mit dabei. Er feiert mit. Und er hilft dem Brautpaar im entscheidenden Moment aus der Klemme. Als der Wein ausgeht, verwandelt Jesus Wasser in Wein. Im Überfluss. Wein ist in Israel ein Zeichen für eine Festzeit. Wein im Zusammenhang mit einem von Gott Gesandten ist ein deutlicher Hinweis auf die messia-nische Heilszeit. Mit Jesu Kommen hat diese Heilszeit begonnen. Jesus liebt das Leben. Er ist das Leben. Und teilt Leben in Fülle aus. »Ich gebe lebendiges Wasser«, (Johannes 4, 10) sagt Jesus zu der ausgebrannten und nach Leben dürstenden Frau am Jakobsbrunnen. »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten«, (Johannes 6, 35) sagt Jesus nach der Speisung der 5000. »Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen«. (Johannes 10, 10) »Ich lebe, und ihr sollt auch leben.« (Johannes 14, 19) Jesus liebt das Leben. Er ist das Leben. Und schenkt ewiges Leben. 

In Island auf der Insel Heimaey ereignete sich vor vielen Jahren eine unvergessliche Begebenheit (1): Es war im Januar 1973: Plötzlich, mitten in der Nacht riss nur wenige hundert Meter von den Häusern der Siedlung entfernt eine Erdspalte auf und heiße Lava schoss heraus. Heimaey war Jahrhunderte lang von Vulkanausbrüchen verschont geblieben und es hatte auch keine Anzeichen für einen solchen Ausbruch gegeben. Als um 2 Uhr nachts die Erde aufbrach, schossen die Lavafontänen bis zu 150 Meter hoch in den Himmel. Die Bevölkerung des Ortes hatte Glück im Unglück: Ein Sturm am Vorabend hatte die Fischer im Hafen Schutz suchen lassen. Mit den 70 Booten konnten die Einwohner in nur vier Stunden evakuiert werden. Wochen später, nachdem der Vulkan sich beruhigt hatte und man die Lavamassen mit Meerwasser abgekühlt hatte, waren viele Häuser unter riesigen schwarzen Hügeln begraben. Die ganze Insel war von einer dicken schwarzen Ascheschicht bedeckt. Auch der Friedhof des Dorfes war unter der Asche verschwunden. – Bis auf den Bogen des Eingangstors. Wie unbeeindruckt schaute er noch aus dem verschütteten Friedhof hervor. Ein weißer steinerner Bo-gen mit einem großen Kreuz an der Spitze. Dort, wo selbst der Tod zugedeckt war, stand: »Ich lebe, und ihr sollt auch leben!« »Eg lifi / og per munud lifa« steht auf isländisch auf dem behauenen Stein. Auch wenn Sie und ich kein Isländisch können – das können wir verstehen »Ich lebe, und ihr sollt auch leben!« Die Menschen auf Heimaey hatten es persönlich erfahren – ihr Leben wurde bewahrt trotz jener furchtbaren Nacht. So trägt uns auch Jesus durch das Sterben hindurch. Er schenkt ewiges Leben. 

»Ich lebe und ihr sollt auch leben.« 

3. Leben mit Jesus ist Leben in der Gemeinschaft 

»Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.« (V. 4) Das Leben, von dem Johannes spricht, ist kein Leben für sich allein. Dieses Leben will sich mitteilen. Es will Kreise ziehen, dort wo wir sind. Schon bei den Hirten an Weihnachten war es so: Als sie das kleine Jesuskind in der Krippe gesehen hatten, mussten sie auf dem Rückweg einfach anderen Menschen davon erzählen: Von diesem Kind und von dem, was der Engel Gottes über dieses Kind gesagt hatte. Die Botschaft vom Leben. Jesus, der das Leben ist und schenkt, möchte alle Menschen erreichen. Damit die Freude wächst und bleibt. 

Liebe Gemeinde! Wir haben gehört, gesehen, berührt: dieses Leben. Jesus. Jesu Jünger verkündigen nur das, was sie selbst miterlebt haben. In Jesus ist das Leben erschienen! Und Leben mit Jesus ist Leben in der Gemeinschaft. 

Das ist die Botschaft des Johannes. Dieses Leben ist der Inhalt seiner Verkündigung. Zu diesem Leben lädt er ein, damit auch bei uns die Freude vollkommen sei.   Amen.

(1)  Aus: Zuversicht und Stärke 2007 zu Johannes 14, 15 ff an Exaudi, Bernhard Schaber-Laudien




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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