2009-10-04

Predigt über Lukas 12,13-21 / Pfarrer Friedrich Zimmermann, Esslingen

Liebe Gemeinde,

das Erntedankfest ist ein Fest für Augen und Nase, für Hände und Mund. Wir sehen in diesem bunt geschmückten Erntedankaltar Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Obst und Gemüse und Kräuter sind förmlich zu riechen. Was in diesem Jahr wieder gewachsen ist, weist hin auf Gottes Liebe zu uns. Sie ist mit Händen zu greifen. 

Alles, was hier aufgebaut ist, soll uns dazu bringen, Gott zu loben und ihm zu danken. 

Und es ist hier aufgebaut, weil wir nicht alles für uns behalten wollen, sondern aus Dankbarkeit teilen, was Gott uns schenkt. Es soll uns nicht gehen wie jenem Menschen in einem Gleichnis von Jesus. Jesus erzählt dieses Gleichnis, nachdem sich einer bei ihm beklagte. Der fühlte sich materiell benachteiligt. Hören Sie, wie Jesus auf ihn einging.


Wir hören das Wort Gottes für diesen Sonntag aus Lukas 12, die Verse 12-21:

13 Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt? 15 Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. 


16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. 17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18 Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte 19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“

(1.) 

Eine wirklich tragische Geschichte ist das. Dabei beginnt sie ganz positiv. Im Gegensatz zu unseren Bauern / Wie unsere Bauern in diesem Jahr erhält dieser Mann eine Rekordernte. Das Wetter stimmt. Die Saat ist gut aufgegangen. Die Früchte sind optimal ausgereift. Die Arbeit auf den Feldern das ganze Jahr über hat sich gelohnt. Im Gegensatz zu heute: Der Ertrag seiner Früchte, seine Ernte ist etwas wert. Er wird sie nicht zu Schleuderpreisen verhökern müssen. Nach menschlichem Ermessen hat er auf Jahre hin ausgesorgt.

Nur noch das eine Mal. Nur noch dieses Jahr. Nur noch diese eine Ernte einbringen – und er ist ein gemachter Mann und kann sich zur Ruhe setzen und die Hände in den Schoß legen. Zu beneiden ist er. Und schlau ist er. 

Er ist gewieft. Er ist entschlusskräftig. Er weiß, was er will und was er zu tun hat. 

Ruckzuck entfaltet er seine Pläne. Ganz der Macher ist er. »Ich breche ab..., ich baue..., ich sammle...« Ich, ich, ich! Und: »Meine Scheunen, mein Korn, meine Vorräte«. Alles meint er voll im Griff zu haben. Was soll auch noch dazwischenkommen? Er ist ein gemachter Mann. Und so spricht er sich und seiner Seele schon die ach so wohlverdiente Ruhe zu.

Bloß – eines hat er nicht bedacht in seinem Denken und Planen, in seinem Selbstgespräch, in seinem Monolog. Eines hat er nicht im Griff. Und das ist sein Leben. Das Leben hat keiner im Griff. Niemand. Die Länge des Lebens bestimmt ein anderer. Der aber kommt bei ihm nicht vor. Dem räumt er in seinem Denken, in seinen Lebens-planungen allem Anschein nach keinen Platz ein.

Der meldet sich nun aber zu Wort. Er unterbricht den Monolog. Plötzlich ist der Mann angesprochen. Ohne Umschweife, gerade heraus wird er »Narr« genannt. Ein Dummkopf ist er – trotz aller Schläue, trotz aller Sponta-neität, trotz aller Geschäftstüchtigkeit – ja, gegen alles Machertum.

Denn das Leben gibt sich keiner und macht sich keiner. Es ist geliehen. Es ist geschenkt. Jederzeit, urplötzlich, unplanbar, ja zu einem völlig ungeeigneten Zeitpunkt kann es zurückgefordert werden. »Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.« 

Wohlwissend heißt es in einem unserer alten Kirchenlieder: »Es kann vor Nacht leicht anders werden als es am frühen Morgen war…« (1).

Und dann? Der Tod macht alles zunichte. Alles ist aus, wenn der Tod eintritt. Alles ist umsonst, was jetzt so wichtig scheint. »Das letzte Hemd hat keine Taschen.« Keiner nimmt von hier etwas mit. Jeder weiß das im tiefsten Grunde seines Herzens. Am Ende zählt nicht, was einer hat. Entscheidend ist das Sein. Wer ich bin, das zählt. Was mich ausmacht, das zählt. Es zählt, ob Gott schon heute in meinem Leben seinen Platz hat, ob Gott in meinem Denken vorkommt, ja, ob Gott mein Denken und Handeln bestimmen und darauf Einfluss nehmen darf. 

Wo Gott aber seinen festen Platz im Leben eines Men-schen hat, wird auch der Mitmensch seinen Platz im Herzen dieses Menschen haben. Beide – Gott und der Mitmensch, Gott und der Nächste – kommen aber bei diesem erfolgreichen Kornbauern nicht vor.

Nicht die gute Ernte, nicht der Erfolg, nicht der zu erwartende Reichtum, nicht das Planen und Vorausdenken sind hier das Problem. Das Problem des Kornbauern ist: Er sieht nur sich selbst. Er spricht nur von sich. Er ist nur mit sich und mit seiner Zukunft beschäftigt. Darin ist er gefangen. Ein »Narr« ist er.

Dabei hält das Leben so viel offen.

(2.) 

Eine wirklich tragische Geschichte ist das. Aber sie ist nicht nur tragisch für diesen Mann, für diesen reichen Kornbauern. Es ist eine tragische Geschichte, weil sie eine so menschliche Geschichte ist. Ich kann diese Geschichte nicht einfach auf die Seite schieben. Ich kann nicht sagen: »Das geht mich alles nichts an. Schließlich bin ich nicht dieser Kornbauer.«

Natürlich bin ich nicht er. Ich bin auch nicht so reich wie er. Und doch fordert er und fordert seine Geschichte mich heraus. Ich muss mich fragen: Wie kommt Gott in meinem Leben vor? Kommt er überhaupt vor? Hat er mir etwas zu sagen? Oder ist er – und mit ihm auch mein Mitmensch – außerhalb meines Horizonts? 

Diese Fragen muss ich mir ganz unabhängig davon stellen, ob ich reich bin, ob ich es zu etwas gebracht habe oder ob ich nichts vorweisen kann und unter »ferner liefen« rangiere. Ob ich nun arm oder reich bin  – ich setze meine Lebensplanung in den Sand, wenn ich Gott außen vor lasse.

Das Problem ist wirklich nicht die gute Ernte. Es sind nicht die nachher bis an den Rand gefüllten Scheunen. Das Problem sind nicht ein ordentlicher Kontostand, nicht das eigene Häuschen, auch nicht das Auto in der Garage. Es ist auch nicht die gut beschickte Lebensversicherung oder gar eine Erbschaft, die ich mache.

Das Problem ist: Wenn mich mein Besitz besitzt. Das Problem ist, wenn ich meine: Das ist mein Leben. Das ist der Sinn und Zweck meines Lebens. Das Problem ist: Wenn ich auf das Haben mein Leben setze, wenn ich meine Kraft, meine Fantasie, meine ganze Liebe investiere, um mehr zu haben. 

Wie eine Mücke um eine Glühbirne kann einer am Ende sinnlos kreisen um seine Habe. Und vor lauter Malochen und Karriere und Geldverdienen und dem Wunsch nach immer noch mehr, nach einem noch schöneren Urlaub, nach einem noch größeren Auto, haben Gott und am Ende auch Menschen nicht mehr den Platz, der ihnen zusteht. 

Leben aber ist mehr als Besitzen und Haben. Was haben wir denn schon? Was gehört uns denn wirklich? Am Ende doch nichts. Aber auch gar nichts. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon (Psalm 90, 10). 

Leben ist Sein. Leben ist Beziehung. Leben ist Gottesbeziehung und ist Beziehung zu Menschen. Und wo es das nicht ist, bleibt ein Leben arm. Es ist und es bleibt bettelarm bei allem Reichtum, den einer in seinem Leben vielleicht auch angesammelt hat. Ein Leben ohne Bezie-hung ist am Ende umsonst gelebt. Es hat seine Bestim-mung nicht erfüllt. 

(3.)

Vergessen wir nicht: Der Grund, warum Jesus diese Geschichte von diesem reichen und doch bettelarmen Kornbauern erzählt, ist ein Todesfall. Da kommt einer zu Je-sus, weil er sich von seinem Bruder beim Erben übers Ohr gehauen sieht. Er will mehr haben. 

Wer will das nicht? So sind wir Menschen. Dabei verkennen wir bei allem Haben-Wollen, dass es im Leben um mehr geht als darum, etwas zu haben. Es geht ums Ganze. Es geht schließlich um die letzten Fragen nach Sinn und Ziel unseres Lebens. Es geht um die Frage: Wovon lebt der Mensch?

Da wurde einer aus diesem irdischen Leben genommen. Alles musste er zurücklassen. Das einzige, was nun noch zählt, ist die Frage: Was bleibt? Was trägt? Der Besitz sicher nicht. Was einer im Leben erreicht hat, auch nicht. Was bleibt, ist einzig die Beziehung zu Gott. Sie reißt nicht. Was trägt, ist Gott und sonst nichts und niemand. 

Es ist schon erstaunlich. Kaum ist der Vater tot, geht bei diesen zwei Brüdern der Streit ums Erben los. Nichts haben sie gelernt! Nichts kapiert!

Damit die Leute damals und wir heute kapieren und wir am Ende einmal nicht bettelarm dastehen, erzählt Jesus diese Geschichte. Damit wir am Ende einmal nicht viel-leicht zwar eine reiche Leiche abgeben aber arm bei Gott sind – deshalb dieses Gleichnis. 

Wir sollen bei Gott reich sein. Und reich bei Gott werden wir, wo wir lernen, unser Leben und was wir sind und haben, als sein Geschenk zu sehen. Reich bei Gott wer-den wir, wo wir anfangen, ihm dafür zu danken, was er uns gibt.

Wer dankt, denkt weiter als bloß an sich. Wer dankt, kommt vom »Ich« und vom »Mein« zum »Du« und zum »Dein«. Wer dankt, hört auf, um sich selbst zu kreisen. 

Wir feiern Erntedank, um Gott dafür zu danken, was er uns gibt. Die Früchte hier vorne am Altar, diese Lebensmittel sind sichtbarer, sie sind greifbarer Hinweis auf Gottes Liebe. Sie sind Gabe Gottes. Sie sind uns gegeben, damit wir von ihnen leben. Wir sollen und wir kön-nen sie genießen. Und sie sind uns gegeben, damit wir sie teilen und davon weitergeben, was Gott uns hat zukommen lassen.

Diese Lebensmittel weisen aber zugleich über sich hinaus. Sie weisen hin auf die Gabe Gottes, auf das Geschenk Gottes. Sie weisen hin auf Jesus Christus. 

Inmitten dieser Erntedankgaben ragt sein Kreuz heraus. Es überragt sie. Es ist keine Frage: Wir leben nicht vom Brot allein. Wir leben auch davon, was Jesus Christus für uns getan hat. Wir leben von seinen Worten. 

Wir leben von seinen Taten. Wir leben von seiner Liebe. Wir leben vor allem von seinem Tod am Kreuz. Wir leben davon, dass alles ausgestrichen und durchkreuzt ist, was gegen uns spricht. Es zählt nicht mehr. Es ist ungültig. Unsere Schuld und Sünde ist vergeben. 

Wir sind reich beschenkt. Keiner muss ein armer Narr sein, noch ein armer Narr bleiben. Wir sollen und wir können reich bei Gott werden. Darum geht es schließ-lich. Das will Jesus für uns. Er macht uns reich. Er gibt uns so viel, dass wir selber seine Gaben genießen können. Er gibt im Überfluss, sodass wir teilgeben und andere teilhaben lassen können: an unserem Leben, an unserer Zeit, an unseren Gütern, an Materiellem, an Geld, an »Begreifbarem«, aber auch an Liebe, an Verständnis, an menschlicher Zuwendung. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.   

Amen.

(1)  EG 530, 2 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Dienstag, 19.06.2018
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Freitag, 22.06.2018
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