2008-12-07

Predigt über Lukas 21,25-33 / Pfarrer Christian Lehmann, Albrecht-Bengel-Haus Tübingen

Liebe Gemeinde,

die Adventszeit ist – im Optimalfall – von Vorfreude auf Weihnachten bestimmt. Heute Morgen hören wir auf Worte von Jesus über die Endzeit. Beim ersten Hören klingen sie vielleicht ganz und gar nicht nach Advent und Vorfreude. Dennoch sind seine Worte uns gerade heute, am 2. Advent, gegeben: Aus dem Lukasevangelium Kapitel 21 die Verse 25 bis 33: 25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 

32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“

 

 

»Eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes« – so berichten Medien über den Tsunami, der am 2. Weihnachtsfeiertag vor drei Jahren über mehrere südostasiati-sche Länder hereinbricht. Die gewaltige Flutwelle zerstört hunderte von Dörfern und ertränkt zigtausende Menschenleben. In einer christlichen Zeitschrift sind wenige Tage später auf der Titelseite Wassermassen abgebildet; dabei ein Zitat aus dem heutigen Predigttext: »Auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres.«

Inzwischen sind weitere Naturkatastrophen über verschiedene Völker hereingebrochen. Von manchen bekommen wir mehr, von manchen weniger mit – je nach Interesse der Medien oder nach Informationspolitik des betroffenen Landes. Ich erinnere nur an die Hurrikane in Amerika, die Erdbeben in Pakistan und China oder den Zyklon über Birma. 

 

»Hurrikan«, »Tornado«, »Orkan«, »Taifun«, »Tsunami«, »Zyklon« – monströse Begriffe sind das, mit denen un-geheure Katastrophen bezeichnet werden. Da kann echte Endzeitstimmung aufkommen – und das, obwohl wir noch nicht einmal unmittelbar betroffen sind.

 

Liebe Gemeinde, wie reagieren wir auf solch apokalyptische Nachrichten? Was macht die Endzeitstimmung mit uns? Lassen Sie uns heute Morgen drei typisch menschliche Einstellungen näher anschauen und von Gottes Wort her beurteilen: 1. den Pessimismus, 2. den Aktionismus und 3. den Idealismus.

 

Dabei brauchen wir nicht nur an die große weite Welt zu denken. Diese typisch menschlichen Haltungen spiegeln sich oftmals ganz direkt in unserem Alltag wider: Darin, mit welcher Einstellung ich zur Arbeit gehe, was ich in meiner Freizeit tue, wie ich meine Beziehungen gestalte und so weiter.

 

 

1. Pessimismus

Kommen wir zur ersten typischen Haltung, dem Pessi-mismus. In einem Internet-Lexikon heißt es dazu: »Pessimisten erwarten ein böses Ende«, sie haben eine »un-heilvolle Zukunft vor Augen« (1).

 

Wenn Jesus ankündigt, dass am Ende »die Kräfte des Himmels ins Wanken kommen werden«, dann scheint sich eine pessimistische Einstellung in Bezug auf die Welt nahe zu legen. Bemerkenswert ist, dass damit oftmals eine egoistische Einstellung in Bezug auf das eigene Leben einhergeht: »Wenn es mit der Welt sowieso böse ausgeht, dann versuche ich wenigstens, mein eigenes Leben zu genießen. Was soll ich mich um andere küm-mern, wenn sowieso alles den Bach ’runter geht? Ich sehe lieber zu, dass ich so viel Spaß habe, wie nur irgend möglich.«

 

Liebe Geschwister, eine solche Haltung ist für uns als Christen völlig unangemessen! Und das nicht nur, weil Ichbezogenheit und eine rücksichtslose, egoistische Jagd nach Spaß dem Gebot der Nächstenliebe widersprechen. Die Worte von Jesus richten sich grundsätzlich gegen eine pessimistische Grundhaltung: Als seine Nachfolger leben wir eben nicht auf eine unheilvolle Zukunft und ein Ende mit Schrecken zu, sondern: »Wenn dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!« 

 

Dieser Vers ist in der Lutherbibel zu Recht fettgedruckt. Wir leben auf Jesus zu! Wir leben auf unsere Befreiung zu! Deshalb lassen wir uns nicht die Ketten des Pessi-mismus und des Egoismus anlegen. Für uns bleibt der Liebesfaktor wichtiger als der Spaßfaktor.

 

Ein Beispiel dazu: Vor Kurzem ist er von einer verantwortungsvollen Position im Geschäft in den Ruhestand eingetreten. Seine Frau und er freuen sich auf mehr Zeit miteinander, auf mehr Zeit und neue Gelegenheiten, um etwas gemeinsam zu unternehmen. Just zu dieser Zeit wird ihr Vater krank und kann nicht mehr allein leben. Doch die beiden schieben ihn nicht ab, um den Ruhestand zu genießen, sondern holen ihn ins eigene Haus. Weil immer einer daheim bleiben muss, verzichten die beiden aus Liebe nun schon seit einigen Jahren auf gemeinsame Unternehmungen und Urlaub. – Das, liebe Gemeinde, heißt auf Jesus zu zu leben, statt sich dem Pessimismus und Eigennutz hinzugeben!

 

 

2. Aktionismus

Die zweite typische Haltung bekommen wir bei Katastrophenmeldungen im Fernsehen schnell mit: Aktionismus. Sofort etwas tun! Spenden sammeln! Hinfliegen! Frühwarnsysteme installieren! Medikamente, Decken und Trinkwasser verteilen!

 

Um Missverständnisse zu vermeiden, liebe Gemeinde, es ist nichts gegen Hilfsaktionen einzuwenden. Und wenn Christen zu den ersten gehören, die sich der Not der 

Opfer annehmen, ist das ein kostbares und unersetzliches Zeugnis. 

 

Bloßer Aktionismus bleibt die Hilfe jedoch dann, wenn man Menschen mit Spenden, Medikamenten oder Früh-warnsystemen abspeist – und ihre Seele hungrig, suchend und hoffnungslos außer Acht lässt. Wenn Jesus sagt: »Auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen… und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen…«, dann haben wir Christen die Chance und die Pflicht, auch dieser schrecklichen inneren Not etwas entgegenzusetzen: Und zwar die Hoffnung auf Jesus, »den Menschensohn, der kommen wird in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.«

 

Es ist sehr, sehr wichtig, dass Menschen anpacken, helfen, sich engagieren und Not lindern. Aber von Gottes Wort her sehen wir in den Katastrophen nicht nur eine Notsituation, sondern eben auch »Zeichen«; Hinweise darauf, dass diese Welt auf Jesus zusteuert. Wo das verschwiegen wird, wo nur die äußere Not bekämpft und nicht auch die innere Not gestillt wird, da stehen Hilfsaktionen in der Gefahr, zu äußerem Aktionismus zu werden.

 

Können wir diesbezüglich irgendetwas tun, liebe Geschwister? Zum einen können wir bei großen Katastrophen überlegt und gezielt spenden. Z.B. an Organisationen, die über christliche Gemeinden vor Ort helfen. 

Diese können den Betroffenen nach einer ersten äußeren Hilfe nämlich zusätzlich die Gelegenheit bieten, die Liebe von Jesus kennen zu lernen und die Hoffnung auf sein Kommen zu erfahren.

 

Zum zweiten sind wir bleibend herausgefordert, unseren Nächsten – seien es die Nachbarn, Verwandte, Kollegen oder Freunde – zu Jesus und in seine Gemeinde einzuladen. Es kann uns nicht egal sein, wenn Menschen in unserer Nähe vor lauter Aktivitäten und Engagement, vor lauter Geschäftigkeit und Tatendrang das entscheidende Ziel verpassen. Es muss unser Herzenswunsch bleiben, dass auch ihr Leben nicht im Aktionismus mit dieser Welt vergeht, sondern in der wunderbaren Herrlichkeit von Jesus mündet.

 

 

3. Idealismus

Die dritte typisch menschliche Haltung im Angesicht von kleinen oder großen Katastrophen ist ein ungetrübter Idealismus. Der Volksmund meint damit die Überzeu-gung: Wir Menschen können gewisse Ideale erreichen, z.B. eine heile Welt, wenn wir nur unbeirrt daran festhalten und darauf hin arbeiten. 

 

Einer solchen Einstellung setzt Gottes Wort einen ganz nüchternen Realismus entgegen: Diese Welt ist nicht zu retten. »Himmel und Erde werden vergehen.« Nicht wir errichten durch heroische Anstrengung Gottes Reich hier auf Erden, sondern sein Reich kommt. 

 

Auch einem christlichen Idealismus widerspricht Jesus deutlich, wenn er mit Nachdruck sagt: »Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht – damit meint er alle Menschen, die nicht an ihn glauben – dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.«

 

Liebe Geschwister, der Herr will uns mitnichten die Arbeit in seinem Reich madig machen. Der biblische Realismus bewahrt uns vielmehr vor falschen Hoffnungen und Enttäuschung. Er bewahrt uns vor der Illusion, wir könnten den Unglauben und die Probleme dieser Welt aus eigener, menschlicher Kraft überwinden. Denn wenn wir einem solchen Idealismus verfallen, dann braucht er, Jesus, der Menschensohn, nicht mehr in großer Kraft wiederkommen. Dann werden wir ewig unseren Idealen hinterher hecheln – bis wir irgendwann erschöpft aufgeben oder daran zu Grunde gehen.

 

Genau das Gleiche kann nun auch im persönlichen Leben geschehen: Wenn ich meine, ich könnte mein Leben irgendwann aus eigener Kraft so gestalten, wie es in Gottes Augen sein soll, dann wird mein Christsein schnell verkrampft. Dann bin ich ein Idealist, der höchst wahrscheinlich mit Schwung in die Sackgasse der Enttäuschung und der Erschöpfung fährt.

Unser persönliches Leben bleibt ein Ort des Kämpfens; des Kämpfens mit Schuld und Fehlverhalten, mit Zweifeln und Mutlosigkeit – bis Jesus wiederkommt. Sicher-lich erringen wir den einen oder anderen Sieg, z.B. durch Vergebung, durch das Loskommen von sündhaftem Verhalten oder durch einen Neuanfang in der Ehe. 

 

Aber bis der Sieger kommt, bleiben es nur erkämpfte und umkämpfte Siege. Wir marschieren nicht wie in einem Triumphzug durch dieses Leben; dieses Ideal sollten wir schleunigst aufgeben.

 

Doch gerade mitten in meinem Alltagskampf, der bisweilen apokalyptische Ausmaße anzunehmen droht, und der mir manchmal alles abzuverlangen scheint, mitten in meinem Alltagskampf steht felsenfest das Versprechen von Jesus: »Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. Und wenn die Welt rings um dich her im Chaos versinkt, und wenn du in deinen Problemen unterzugehen drohst – dann gilt mein Wort trotzdem: Ich bin dein Erlöser. Ich habe dich zu mir gezogen und lasse dich nicht fallen. Ich komme mit großer Kraft und Herrlichkeit, um dich zu erlösen. Erhebe dein Herz und schau auf mich – das Reich Gottes ist nahe!«

 

Liebe Gemeinde, Adventszeit ist Zeit der Vorfreude. Vorfreude darauf, dass Jesus kommt. Und er kommt gewiss, »in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit«. Alle Menschen werden es sehen. Uns kommt er zur Erlösung. Das sagt er selbst, und seine Worte werden auf ewig nicht vergehen.

Darauf freuen wir uns nicht nur vor Weihnachten; im Glauben an Jesus ist unser ganzes Leben Adventszeit: Zeit der Vorfreude – auf ihn!   Amen

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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