2008-11-23

Predigt über 2. Petrus 3,8-13 / Pfarrer Jochen Hägele, Markgröningen

Liebe Gemeinde,

vor der Zeit des Advents, stehen die Wochen, in denen uns der Abschied besonders vor Augen gestellt wird. Vor den Stunden des Lichts kommen die Tage der langen, schweren Schatten. Das ist so in diesen Wochen im November. Bevor der erste Advent unseren Blick auf das kommende, freudige Weihnachtsfest ausrichtet, müssen wir die Tage durchschreiten, die uns die Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen vor Augen stellen. Für viele sind es Tage voller Erinnerung, Trauer und Leid.

 

Manche müssen im Blick auf das heute zu Ende gehende Kirchenjahr sagen, dass ein vertrauter Mensch, den sie liebten, von ihnen gegangen ist. Ein Platz ist leer; eine vertraute Stimme nur noch in der Erinnerung.

Und je enger die Verbindung war, desto größer sind die Wunden. Diese Wunden sind noch lange nicht geheilt, manche werden nie heilen.

 

Unser Sonntag heute heißt Ewigkeitssonntag. Die Alten sagten dazu auch »Christ-König-Sonntag«.

 

Unsere Blicke werden also nach vorne gelenkt. Nicht, dass wir die schmerzliche Vergangenheit einfach wegwischen wollten. Oder dass wir unsere reichen Erinnerungen verdrängen müssten. Die Trauer darf nicht betäubt werden.

 

Und doch: die Botschaft heute Morgen heißt: Es gibt eine Zukunft – und diese Zukunft hat einen Namen: Jesus Christus.

 

Furcht und Angst müssen nicht mehr unser Leben bestimmen, Einsamkeit und Trostlosigkeit müssen nicht das Sagen haben.

 

Manche unter uns stehen zwar am Abgrund des Leids, aber unser Weg darf in eine andere Richtung weiterge-hen: An der Hand Jesu und im Blick auf ihn geht unser Weg in eine neue Welt, seine Welt.

 

Hören wir auf den Predigttext aus dem 2. Petrusbrief, Kapitel 3, 8–13:

 

„8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass "ein" Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. 9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. 10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. 11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. 13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

 

 

 

Es ist bemerkenswert: In unserem Bibelabschnitt zum heutigen Ewigkeitssonntag ist weder vom Tod noch von der Auferstehung die Rede. Dafür fällt der Blick auf das Ziel Gottes mit der neuen Welt.

 

Am Ende werden dieser Himmel und diese Erde mit ihrem Leiden und Sterben vergehen. Jesus aber richtet sein neues Reich auf. Der Ewigkeitssonntag will uns heute helfen, den Blick auf die Herrlichkeit Gottes zu richten.

 

Doch der Apostel Petrus verfällt jetzt nicht in eine weltfremde Schwärmerei. Er hat die Realität und die bohrenden Fragen des Heute scharf im Blick. Und er weiß um die kritischen Anfragen seiner Zeitgenossen. Sie leugnen die Wiederkunft Jesu und fordern dazu auf, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Die Christen aber, die auf einen wiederkommenden Herrn Ausschau halten, die seien Fantasten und Tagträumer.

 

Der Apostel stärkt seine Gemeinde, an die er seinen Brief schreibt und auch uns heute, indem er darlegt, warum das Warten der Glaubenden einen guten Grund hat.

 

1. Er wartet

Unsere Erwartung auf die Wiederkunft wird auf die Probe gestellt. Denn Jesus selbst wartet. Er wartet mit seinem Kommen. Doch dies ist kein Anlass zum Ärger, zum Zweifel, zur Enttäuschung. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint: Gott handelt nicht zögerlich, sondern planvoll mit seiner Welt.

 

Dass Jesus bis heute unserer Welt noch kein Ende gesetzt hat, liegt an seiner Geduld. Er selbst hat sein Kommen aufgeschoben! Und damit gibt er jedem Menschen Zeit zur Umkehr, zum persönlichen Glauben an ihn.

»Jesus kommt wieder, bist du bereit?« – so lautete die Aufschrift auf einem Plakat, das irgendjemand auf die Rückseite eines Verkehrsschildes an einer Schnellstraße geklebt hat. Viele Autofahrer auf der Gegenspur konnten diese Frage lesen. Und dieses Plakat hing dort über viele Monate, bevor der Straßendienst es entfernte.

 

»Jesus kommt wieder, bist du bereit?« – Dass er bis heute noch nicht gekommen ist, das ist keine Verlegen-heit, sondern das schafft für alle die Gelegenheit. ihm zu vertrauen. Sein Ausbleiben ist die Chance für uns, unser Leben in die richtige Richtung zu lenken. Und dieses Ausbleiben gibt seiner Gemeinde Zeit zur Mission. Es muss gesagt werden, dass bei Jesus das Leben zu finden ist. Aber es darf auch nicht verschwiegen werden, dass ohne ihn das ewige Leben nicht zu gewinnen ist.

 

Gott will eben nicht, dass Menschen an ihm vorbeihasten wie uninteressierte Autofahrer. Im Gegenteil: Gott ruft zur Einkehr, er ermutigt zur Umkehr und er lädt uns ein zur Hinkehr an ihn!

 

Sein Kommen hat er aufgeschoben – aber er hat es damit nicht aufgehoben. Er kommt, der Retter und Richter, aber er kommt zu seiner Zeit.

 

Im Berliner Tiergarten, an der so genannten Luiseninsel, war vor Jahrzehnten ein Mann zu beobachten, der jeden Tag von 14 bis 15 Uhr dort auf einer Bank saß und war-tete. Ob im Sommer die Sonne brannte, ob es im Herbst Bindfäden regnete, oder ob es im Winter bitterkalt und stürmisch war; der Mann saß über Jahre hinweg täglich um die gleiche Zeit dort und wartete.

 

Die Erklärung für sein sonderbares Verhalten: Er hatte eine Braut, die er über alles liebte. Als seine Braut die Verlobung löste und ihn verließ, schrieb er ihr einen Brief, in dem er sie bat, doch am nächsten Tag zwischen 14 und 15 Uhr eben an die Luiseninsel im Tiergarten zu kommen, damit sie miteinander sprechen und ihre Beziehung wieder erneuern könnten. Sie kam jedoch nicht. Der Mann wartete vergeblich. So kam er am nächsten Tag wieder, und wieder... – immer in der Hoffnung, die Frau würde sich besinnen und eines Tages doch zu ihm zurückkehren.

 

Mehr als zehn Jahre, Tag für Tag an derselben Stelle, auf einen Menschen zu warten, der doch nicht kommen will, das mag eine Torheit sein. Aber wartet nicht Jesus in seiner Liebe zu uns noch viel länger, ob wir endlich doch zu ihm umkehren und seine Liebe erwidern?

 

Mit schier unendlicher Geduld erwartet Jesus Menschen, um sie mit seiner Liebe glücklich zu machen. Er wartet mit seiner Wiederkunft. Weil er zuvor auf unsere Umkehr zu ihm wartet. Damit wir, wenn er wieder kommt, eben nicht überrascht, sondern erfreut und vorbereitet sind.

 

2. Erwartend leben

»Wenn das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen.«

 

Der Gemeinde Jesus wird immer wieder vorgeworfen, dass sie auf das Jenseits vertröstet, aber die Probleme des Diesseits vergesse.

 

Andere kritisieren, dass die Kirchenspringer sonntags fromm tun, aber werktags leben wie alle anderen.

 

Beidem widerspricht der Apostel Petrus entschlossen: Wer in der Erwartung lebt, dass Jesus wiederkommt, der lebt einen neuen Lebensstil.

 

Diesen neuen Lebenswandel bezeichnet Petrus als »heilig«. Heilig bedeutet »ganz dem Herrn gehörig«. Denken wir nur an das »Heilige Zelt« zur Zeit von Israels Wüsten-wanderung. Hier war Gottes exklusiver Bezirk, welchen nur der Priester betreten durfte. Und im »heiligen Zelt« waren die »heiligen Geräte«, die ausschließlich für den Dienst vor Gott benützt werden durften.

 

Der Ruf zu einem »heiligen Wandel« bedeutet für uns, dass wir unser Leben ganz in den Einflussbereich Gottes stellen sollen. Was wir haben, was wir können, was wir erreichen, das gebührt Gott. 

 

Sagen wir es konkreter:

Meine Zeit gehört dem Herrn, und wie ich sie fülle, das will er bestimmen. Mein Geld, das ist Gabe von ihm, und wie ich damit umgehen soll, das zeigt mir sein Wort klar.

Auch meine Familie, meine Beziehungen, sind mir von ihm geschenkt. Wie ich den nächsten Menschen begegne, soll geprägt sein von seiner Liebe.

 

Merken wir, wie grundlegend anders ein Lebensstil wird, der auf Jesu Wiederkunft wartet?

 

Sehen wir uns den Schreiber unserer Predigttextes selbst an: Petrus, der Jünger und Missionar.

 

Am Ufer des Sees Genezareth ruft Jesus ihn von den Fischernetzen weg: »Komm, folge mir nach« – Du gehörst von nun an mir. So wurden die Prioritäten im Leben des Fischers neu gesetzt. Jesus zuerst.

 

In der Schule Jesu lernt er Gehorsam. Immer wieder macht er auch die Erfahrung: Jesu Worten kann ich trauen. So manche falsche Selbstüberschätzung von Petrus muss abgeschliffen, so manche falsche Lieblosigkeit abgelegt werden. Und aus dem Verleugner wird durch Jesu Geduld ein treuer Bekenner. Petrus selbst ist für die Gemeinden, an die sein Brief geht, ein lebendiger Beweis, wie der Lebensstil der Hoffnungsleute aussieht.

 

Wie er, so gilt es für die Adressaten seines Briefes und auch für uns heute, erwartend zu leben.

 

 

3. Erwartend hoffen

Am Ende des Abschnitts hat Petrus zusammengefasst, worauf denn Christen hoffen: »Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt.«

 

Gerade in unseren Tagen, in denen oft Pessimismus und Skepsis die Nachrichtenlage prägen, gilt es auf diesen Grundton zu achten: Christen sind Leute der Hoffnung, weil sie einen Herrn der Hoffnung haben.

 

Das Bild vom Weltende, das in unserem Abschnitt beschrieben wird, kann sich unsere Generation heute drastisch genug ausmalen: Tod durch Vergiftung, Seuchen und Katastrophen, Krieg und Zerstörung – kurz apocalypse now.

 

Gottes Absicht aber ist nicht das Ende über einer ver-brannten Erde. Er zielt auf die Erlösung durch sein erneutes und endgültiges Schöpferwirken: zuletzt steht nicht das Ende, sondern die Vollendung, die vollkommen gute, neue Schöpfung.

 

Zu jeder Zeit der Gemeinde Jesu hat die Gewissheit, dass Gott am Ende sein Reich voller Gerechtigkeit aufrichten wird, die Christen stark gemacht, gerade in Zweifel, 

Anfechtung, Not und Leiden. Immer wieder war es der erwartungsvolle Aufblick zum kommenden Herrn, der ihrem Glauben Tiefgang verlieh. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

 

Die Sehnsucht nach dieser Gerechtigkeit hat beispielsweise Johann-Hinrich Wichern angetrieben, verelendete Buben in seinem Rauhen Haus in Hamburg zu sammeln. An Wicherns 200. Geburtstag erinnern wir uns in diesem Jahr im Besonderen. Im November 1833 bezog er gemeinsam mit 12 Buben sein Rettungshaus, um ihnen eine Hoffnung für ihr Leben zu schenken und ihre aussichtslose Lage zu verändern. Aber ebenso, um ihnen die Hoffnung des Glaubens weiter zu geben: Wir gehen Gottes Welt und seiner Gerechtigkeit entgegen.

 

Ist dieser Horizont, den Petrus aufreißt, zu schön um wahr zu sein?

Im Gegenteil, wir können uns diese Wahrheit gar nicht schön genug vorstellen.

 

Ich möchte diese starke Hoffnung heute an diesem be-sonderen Sonntag gerade auch im Blick auf die Trauernden sagen: Wenn wir einem Verstorbenen hinterher bli-cken, voller Schmerz darüber, dass die Zeit mit ihm – oder mit ihr – zu kurz war, dann spricht uns Gottes Wort eine tröstende Gewissheit zu.

 

Es ist diese Gewissheit, dass Gott seine Leute nicht einfach wegnimmt, sondern, dass er jeden, der ihm traut, durch den Tod hindurchträgt, um ihn oder sie in ein Größeres hineinzuführen.

 

Uns bleibt gerade dann, wenn die Hoffnung ob der Macht des Leidens schwach werden will, der Weg an das Vater-herz Gottes.

Betend und flehend können wir mit dem Liederdichter Arno Pötsch bitten: Bleib bei uns, wenn der Tag entweicht, wenn uns die Finsternis beschleicht. 

Und glaubend können wir auch mit ihm bekennen: 

Bleib bei uns! Lass uns nicht allein! Nur du kannst Halt und Helfer sein (1).   

Amen. 

 

Anmerkungen:

(1) EG 542 Wü




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Dienstag, 23.10.2018
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Sonntag, 28.10.2018
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