2008-11-02 Reformationsfest

Predigt über Philipper 2, 12-13 / Pfarrer Friedhelm Bühner 

Liebe Gemeinde, 

heute feiern wir das Reformationsfest. 

Wenigstens das ist uns noch geblieben, nachdem uns Protestanten

ohne großen Protest der Buß- und Bettag genommen worden ist. 

Allerdings: Das Reformationsfest liegt ziemlich eingequetscht zwischen 

Halloween und Allerheiligen.

Nicht gerade einfach für unser evangelisches Fest, sich gegen eine

solche Konkurrenz zu behaupten - gegen heidnische Geisterverehrung 

und katholischen Verstorbenenkult. 

 

Überhaupt: Hat unsere Kirche Grund zum Feiern?

Vor allem: Sich selber zu feiern?

Moment: Das Reformationsfest ist kein Kirchenfest. 

Hier klopfen wir nicht uns selber auf die Schultern, nach dem Motto:

Wie gut, dass es uns Evangelische gibt. 

Nein, da danken wir Gott!

Weil die Reformation, derer wir heute gedenken, sein Werk ist. 

Nicht das Werk Martin Luthers und anderer Reformatoren.

Nicht das Werk der Landesfürsten und Reichsstädte.

Sondern allein Gottes Geschenk und Gabe. 

 

Natürlich hat Gott Menschen benutzt, um die Erneuerung seiner Kirche

ins Werk zu setzen. Aber Gott selber hat beides gewirkt, Wollen und 

Zustandekommen der Reformation. 

Damals vor einem halben Jahrtausend. 

Und deshalb gehört Gott auch allein die Ehre. 

Wie überhaupt bei allem, was wir selber tun. 

Weil wir wissen: Gott tut es eigentlich in uns. In Jesus Christus. 

 

Darauf hebt auch Paulus ab in seinem Brief an die Philipper, 

Kapitel 2, die Verse 12 und 13, unserem Bibelwort heute:

„12 Also, meine Lieben, - wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, 

nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in 

meiner Abwesenheit - schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht 

und Zittern. 13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen 

und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“  

 

Welche Frage treibt die Menschen heutzutage am meisten um?

- Die Frage, wie unser Klima sich entwickelt?

- Die offenen Fragen der Finanzmärkte, wie sicher unsere Rente ist?

- Die Frage, wie der Weltfriede gesichert werden kann?

 

Alles ohne Zweifel wichtige Fragen. 

Aber Paulus treibt hier eine ganz andere Frage um: Was rettet uns 

im Jüngsten Gericht vor dem ewigen Verloren gehen?

Diese Frage  bewegt Paulus als gläubigen Menschen jüdischer

Herkunft. Nicht nur im Philipperbrief, sondern auch im Römerbrief.

 

Deshalb fragen wir weiter: Können wir etwas zu „unserer Seelen

Seligkeit“ beitragen?

Ja, müssen wir es nicht sogar?

Paulus fordert uns doch hier auf, unser Heil selber zu schaffen

und zwar mit Furcht und Zittern. 

 

Wer könnte das besser nachsprechen und nachfühlen als unser

Reformator Martin Luther?

 

Denn seine Frage nach dem gnädigen Gott hat ihn nicht losgelassen. 

Mit 22 Jahren bricht Luther sein Jurastudium gegen den Willen des

Vaters ab und tritt 1505 in das Erfurter Augustinerkloster ein. 

Er will durch gute Werke für seine Seele Ruhe und sich einen Platz im 

Himmel verdienen. 

Peinlichst genau und gewissenhaft kommt er allen klösterlichen 

Vorschriften nach. 

Im Rückblick wird Luther sagen: „Wahr ist, ein frommer Mönch bin 

ich gewesen und habe mich so streng an meinen Orden gehalten, dass

ich sagen darf: Ist je ein Mensch in den Himmel durch Möncherei ge-

kommen, so wollte ich auch hineinkommen ... Denn ich hätte mich, 

wenn es länger gedauert hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, 

Lesen, Fasten und Frieren.“

 

Luther hat die Erfahrung gemacht, dass wir die Gnade dort verdrängen, 

wo wir die Losung ausgeben: Werke ohne Glauben!

Wo Menschen sagen: Ich tue doch Gutes, aber die Kirche, den Gottesdienst

den brauche ich nicht ...

Viele meinen auch heute noch, dass das möglich sei: Werke ohne Glaube.

Weil es unserem zutiefst menschlichen Wesen entspricht, uns den 

Himmel selber verdienen zu wollen: 

- Mit unserem gelebten Leben.

- Mit unserem Schaffen und Arbeiten für andere. 

- Mit humanen Aktionen und Werken der Nächstenliebe. 

- Mit dem Einhalten von moralischen Werten und religiösen Vorgaben. 

 

Es können sogar zutiefst fromme Werke sein, die wir ohne Glauben 

vollbringen. Denn wir können alles missbrauchen - nicht nur das 

Spenden und Fasten, sondern sogar das Beten, das Bibellesen oder

das Besuchen des Gottesdienstes. 

 

Werke ohne Glauben wiegen uns in falscher Sicherheit - wir haben 

es geschafft - uns kann nichts mehr passieren. 

Oder sie stürzen uns in tiefe Zweifel - Werden sie ausreichen oder 

müssen wir noch mehr tun?

 

Natürlich ist es gut, Geld an Hilfswerke zu überweisen oder sich 

in der Schule ehrenamtlich zu engagieren. 

Aber ohne Glauben sind alle diese Werke tot - oder wie Luther

es noch drastischer zum Ausdruck bringt: Jedes gute Werk ist Sünde - 

nämlich jedes noch so gute Werk, wenn es nicht aus dem Glauben

und damit aus dem Willen Gottes heraus kommt, sondern aus 

dem eigenen Willen, der nach Ehre und Verdienst sucht. 

 

Von sich heraus mit Furcht und Zittern die eigene Rettung im Jüngsten 

Gericht verdienen zu wollen ist also zum Scheitern verurteilt. 

Wer mit diesem Maßstab einmal gemessen werden will, wird immer

feststellen müssen: Zu kurz. Zu unzureichend. Zu mangelhaft. 

 

Luther ist über allem Leistungsstreben nicht ruhig geworden. 

Auch als Augustiner Eremit wird er weiter von schweren Anfrechtungen

heimgesucht. 

Pausenlos quält ihn das Gefühl, ein hoffnungsloser Sünder und

deshalb verloren zu sein. 

Die Angst vor Gott und Christus als unerbittlichen Weltenrichtern

lässt ihn immer wieder verzweifeln. 

Keine Beichte, keine Lossprechung durch den Priester kann ihn 

aus dieser Gewissensnot befreien. 

 

Bis er eines Tages in seinem Zimmer im zweiten Stock des 

Gartenturms über dem Lesen des Römerbriefs entdeckt: Die Gerech-

tigkeit Gottes ist keine göttliche Eigenschaft, die sich gegen den 

Sünder richtet, sondern ein göttliches Geschenk, das dem Sünder

zugute kommt!

Wenn wir aus dem Glauben gerecht leben sollen und die Gerechtigkeit

jedem zum Heil dienen soll, dann ist es Gottes Gerechtigkeit, die uns 

rechtfertigt und rettet..

 

Die Gerechtigkeit Gottes ist also immer die Gerechtigkeit, die Gott dem

Menschen zueignet.

Und mit dieser Erkenntnis fällt Luther eine Zentnerlast vom Herzen

und er kommt sich vor wie neu geboren. 

 

Allein durch den Glauben - diese grundreformatorische Losung - kann

natürlich auch missbraucht werden. Zu einem Glauben ohne Werke.

So, wie wir die Gnade - durch Werke ohne Glauben verdrängen, 

so verdrehen wir die Gnade zu einem Glauben ohne Werke. 

Wäre das möglich, wären wir fein raus und wir könnten jede 

Anfrage an unsere Mitarbeit abtun mit den Worten: 

„Ich bin gläubig, was willst du mehr!?“

Und wir könnten jedes Hinterfragen unseres Lebenswandels an uns

abprallen lassen und sagen: „Mein Glaube rettet mich!“

 

Aber welcher Glaube rettet denn?

Etwa der Glaube, der sich in bloßen Lippenbekenntnissen ergeht?

Kann man überhaupt von einem lebendigen Glauben sprechen, der

sich nur mit sich selber beschäftigt und auf sich selber bezieht?

Zeigt sich wahrer Glaube nicht genau darin, dass Gott in mir Wollen 

und Vollbringen guter Werke schafft?

Dass ich mich in Dankbarkeit in der Gemeinde für andere in Liebe

einsetze?

Dass ich mich kritisch durchleuchte, wo in meinem Leben Dinge nicht

in Ordnung sind?

 

Es ist nicht egal, wie ich lebe, weder anderen noch Gott. 

Deshalb sollte es mir auch nicht egal sein, im Gegenteil: 

An mir, meinem Verhalten, meinen Taten sollte ablesbar sein, 

was es heißt zu glauben!

Wenn Werke ohne Glauben nämlich tot sind, dann ist es ein Glaube ohne 

Werke ganz bestimmt auch. 

Und zu Recht können sich die Leute dann den Mund verreißen über

den Bruch zwischen Sonntag und Werktag, über Sein und Schein. 

 

Deshalb kann es für Christen nur eine Lösung geben: Hörer und Täter

des Wortes sein! Weil beides zusammen gehört!

Wahrer, echter Glaube zieht entsprechende Werke fast automatisch nach sich!

 

Als Luther entdeckt hat, dass wir allein aus Glauben ohne Werke gerettet

werden, da hat er ja auch nicht die Hände in den Schoß gelegt. 

Sondern im Gegenteil: Er hat danach erst so richtig losgelegt, 

mit Predigen, mit Schreiben, mit Bekennen, mit Lehren, Verhandeln, 

Übersetzen und so weiter. 

Und er hat viel gearbeitet für Jesus, aber hat sich nicht eingebildet, 

dass davon sein Heil abhängig wäre. 

 

Er hat viele Pluspunkte in seinem Leben angehäuft, aber nicht auf 

ein Himmelskonto, sondern aus Dankbarkeit Gott gegenüber!

Pluspunkte sind nicht schlecht, weil auch Gott will, dass unser

Leben gelingt und für andere Früchte trägt. 

Aber er vergibt Pluspunkte nicht nach Können, Wissen und Haben. 

Sondern er ver-gibt unsere Minuspunkte nach seiner Liebe und Gnade, 

wenn wir IHN darum bitten. 

 

Gott gönnt uns alle Pluspunkte unseres Lebens, aber er bewertet

uns nicht danach!

Weil seine Liebe mehr zählt als alle unsere Leistungen. 

Seine Gerechtigkeit, die er jedem von uns schenken will - und wozu

er immer wieder einlädt, ist der wichtigste Punkt jedes Lebens. 

 

Deshalb ist klar, dass Paulus in diesen beiden Versen heute

keinen Widerspruch aufbaut, also in Vers 12 uns zuerst zuruft: 

Erarbeitet euch mit Furcht und Zittern eure Rettung! 

Um uns dann in Vers 13 vor den Kopf zu stoßen: 

Gott wirkt beides, Wollen und Vollbringen!

 

Denn was auf den ersten Blick als Widerspruch daher kommt, gehört

für Paulus absolut zusammen: Menschliches Wirken und Gottes Wirken. 

Nicht wir - schaffen unsere Seligkeit, so dass wir uns gehörig anstrengen 

müssen. 

Nicht Gott - schafft unsere Seligkeit ohne uns, so dass wir uns bequem

zurück lehnen können. 

Wir schaffen unsere Seligkeit auch nicht zusammen, so dass wir 

nur gut zusammenschaffen müssen. 

 

Sondern Gott schafft in uns das, was ihm gefällt und was seinem 

Willen entspricht. Durch uns hindurch!

Sein Wille durch unseren Willen - im Glauben, in einem ganz konkreten

Leben mit Jesus.

 

Deshalb sind die Werke eines Christen nicht mehr seine Werke, 

sondern im Kern Gottes Werke. 

Und deshalb ist seine Rettung ganz allein Gottes Gabe und Gnade!

 

Haben wir das verstanden, sind wir entlastet:

- Von allem falschen Leistungsdenken genau so wie

- von der falschen moralischen Egalhaltung. 

Denn wir haben dann begriffen: 

- Alles, aber auch wirklich alles, was wir tun und lassen, 

kommt von Gott, wenn wir in seinem Kraftfeld 

leben und weben. 

- Alles, aber auch wirklich alles, was uns im Jüngsten Gericht

rettet, kommt von Gott. Gott ist auf unsere Werke

wirklich nicht angewiesen.

 

Noch einmal mit den Worten von Prälat Mack in Neuenbürg:
„Wer sich selbst rechtfertigt, ist am Ende recht fertig, 

wen aber Gott rechtfertigt, der ist am Ende recht.“
Und damit: Fertig!  - Das reicht! - Daran hängt alles!

 

Wenn wir das doch noch viel deutlicher und klarer in unseren Blick bekommen 

würden:  Dass wir Gottes „Rechtfertigung“ ganz persönlich annehmen,

Christus in uns aufnehmen und wirken lassen und dann

ihn als Gottes Energie und Motor in einem neuen Leben erfahren. 

 

Dann würden wir, wie Augustin es ausgedrück hat, 

- stille sein und schauen, 

- schauen und lieben, 

- lieben und loben

jetzt und nach unserem Ende ohne Ende. 

Amen

 

Lied nach der Predigt EG-EL 932,1-2 Allein deine Gnade genügt

 
(Die Predigt übernimmt Vorarbeiten von Pfarrer Dr. Wolfgang Schnabel, Bonlanden)



Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Donnerstag, 21.06.2018
14:30 Uhr in Schwann:
Asylarbeit in Straubenhardt (Gustav Bott, Netzwerk Asyl)
18:30 Uhr:
Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann
19:00 Uhr:
Jugendkreis 16+ im GH Schwann
Freitag, 22.06.2018
17:00 Uhr:
Bubenjungschar 6-12 Jahre im GH Schwann
18:15 Uhr:
Mädchenjungschar 8-13 Jahre im GH Schwann (Gewusst wie)
Sonntag, 24.06.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer M.Gerlach)
10:00 Uhr in Schwann:
Kindergottesdienst