2008-10-12

Predigt über 1. Korinther 12, 12-14 und 26-27 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Wir hören den Predigttext für diesen Sonntag aus dem 1. Korinther-
brief des Apostels Paulus, Kapitel 12, die Verse 12-14 und 26-27:

„12 Denn wie der Leib "einer" ist und doch viele Glieder hat, alle
Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch "ein" Leib sind:
so auch Christus. 13 Denn wir sind durch "einen" Geist alle zu
"einem" Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder
Freie, und sind alle mit "einem" Geist getränkt. 14 Denn auch der
Leib ist nicht "ein" Glied, sondern viele (...) 26 Und wenn "ein" Glied
leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn "ein" Glied geehrt wird,
so freuen sich alle Glieder mit. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und
jeder von euch ein Glied.“




Liebe Gemeinde,
haben Sie schon einmal Zahnschmerzen gehabt?
So richtig schlimm? Nur an einer einzigen winzigen Stelle? Ja?
Dann haben Sie sicherlich schnell gespürt, wie es diese Stelle
in sich hatte.
Vielleicht bekommen Sie schon von der Erinnerung hier fast jetzt
noch Zahnschmerzen!?
Der gereizte Nerv Ihres Zahnes hat nicht nur Ihrem Kiefer
zugesetzt, sondern Sie haben die Schmerzen mehr oder weniger
am ganzen Leib gespürt.

Da ist Ihnen der Appetit vergangen, die Freude am Essen,
da hat es eine schlaflose Nacht gegeben, das ganze seelische
Gleichgewicht ist aus dem Ruder gelaufen,
mit schlotternden Knien sind Sie zur Behandlung beim Zahnarzt
gefahren.

Was doch so ein minimal gereizter Nerv im Kiefer am ganzen Leib
ausrichten kann!?
Sie hätten vor Schmerz und Unbehagen die glatte Wand hoch-
gehen können, rückwärts, ohne sich festzuhalten und ohne was
zu denken.
Kleine Ursache, aber große Wirkung.
Und der ganze Körper hat mitgelitten!

Vielleicht haben Sie im Frühjahr Holz gemacht.
Erst im Wald alles zusammengesammelt, dann im Hof zersägt,
gespalten und aufgeschichtet.
Dabei haben Augen, Verstand und Gefühl bestimmt in jedem
Augenblick auf die Finger und Hände aufgepasst.
Auch auf die Füße, damit sie keinen groben Klotz abkregen und
Hühnerauge sich noch mehr meldet.
Wenn ein Teil unseres Körpers leidet, dann leidet der ganze
Körper mit.

Diese alltägliche Erfahrung überträgt der Apostel Paulus auf
die Gemeinde Jesu Christi. »
Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit!«

Aber wir sollten auch sehen: Dass überhaupt Schmerz empfunden
wird, ist an sich etwas Positives.
Weil Schmerzen empfinden heißt:
    - Das Alarmsystem des Körpers funktioniert noch.
    - Der Leib lebt, er lebt noch, nur tote Körper spüren nichts mehr.
Und das Gleiche gilt für die Freude:
»... und wenn ein Glied geehrt wird, dann freuen sich alle Glieder mit.«
sagt Paulus.


1. Leiden wir an der Trennung des Leibes Jesu Christi?

Paulus spricht ganz bewusst die Christen in Korinth mit dem Bild
des Leibes an.
Die christliche Gemeinde in Korinth war total bunt zusammen
gewürfelt, bestehend aus Gliedern, die aus allen Teilen der Welt
gekommen sind, aus allen sozialen Schichten,
mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten.

Echte Heiden sind zum Glauben an Jesus Christus gekommen,
aber auch Juden – Menschen aus dem Bundesvolk des Alten
Testaments – und andere sogenannte "Gottesfürchtige", das waren
Leute, die sich in einer Art Wartestellung nahe bei der Gemeinde
aufhielten. Sie gehörten noch nicht ganz dazu.
Dass Jesus ruft, das allein macht Menschen zu Gliedern am Leib
Christi. Und dass Menschen diesen Ruf annehmen und Jesus
der Herr ihres Lebens wird.

Kein Teil an unserem Körper hat sich von selber in den Organis-
mus eingefügt. Und so ist das auch beim Leib Christi, seiner
Gemeinde im engeren Sinne betrachtet.
Niemand ist ein Glied am Leib Christi von Natur aus, auch nicht
allein aufgrund seiner Taufe, sondern wir müssen von Gott durch
eine bewusste Entscheidung für ein Leben mit Jesus eingegliedert
werden.

Wer aber eingegliedert ist, der gehört von da an auch ganz dazu!
Da ist keiner überflüssig, keiner das fünfte Rad am Wagen.
Da kann auf keinen verzichtet werden.
Für Paulus ist jedes Glied am Leib Jesu Christi gleich wichtig
und gleich wertig.

Auf die Gemeinde übertragen: Ob jemand als Christ in der
Gemeinde als Hausmeisterin, als Mesner, als Organist, als
Jungscharleiterin, als Chorsänger, oder als Kirchengemeinderätin
dient, das sagt nichts über seine »Wichtigkeit« aus.
Und gerade auch die, die außer Beten sonst nicht mehr viel tun
können, weil sie krank und gebrechlich sind, sind mit ihrem
Gebetsdienst für die Gemeinde unverzichtbar.

Gemeinde als Leib Christi heißt: Gott will uns alle – alle, die er
berufen hat. Er will auf keinen verzichten.
Und deshalb können wir auf keinen verzichten.

Das Evangelium, die Taufe und das Abendmahl haben die Christen
in Korinth verbunden - und ihre Gemeinschaft begründet.
Deshalb kommt Paulus zu seiner Aussage: »Denn wir sind durch
einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder
Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist
getränkt!« –
»Mit einem Geist getränkt« – das ist ein Hinweis auf das Abendmahl,
in dem sich Jesus uns selber gibt, wenn wir im Aufsehen auf seinen
Tod am Kreuz für mich entgegen nehmen.
Dabei bindet es uns an IHN - und verbindet die Christen unter-
einander.
Dafür steht das Abendmahl. 

Es steht für die Einheit aller, die Jesus gehören.
Für die Gemeinde, den Leib Jesu Christi.

Wenn das aber so ist, dann ist es auch für uns hier in Dennach
wichtig, dass wir uns fragen lassen:
    - Wie gehen wir damit um, dass es mit dieser Einheit
        im Praktischen oft gar nicht so weit her ist?
    - Stört es uns noch, wenn auch in Dennach Christen gar
        keine Notiz voneinander nehmen, wenn sie ohne jede
        Tuchfühlung jeder in die eigene Gemeinde gehen?
        Hat Gott uns nicht zusammen berufen zu einem Leib?
    - Stört Paulus heute Morgen unsere frommen Gefühle,
        unsere Geschichten miteinander, wenn er hier etwas
        heilen will?
    - Welche Schritte gehen wir, um einander zu verstehen,
        um aufeinander zugehen zu können?

Oder sind wir eigentlich ganz zufrieden damit, dass bestimmte
Leute sich von uns, von unserer Kirche, abgesetzt haben?

Die Werkzeuge des Schreiners waren zu einer Besprechung zusammengekommen.
Bruder Hammer ist zum Leiter gewählt worden.
Aber bald musste er von den anderen hören, er solle sein Amt
niederlegen, weil er zu grob und lärmend sei.
Da erhob sich Bruder Hammer und bemerkte mit gekränkter Miene:
Dann muss auch Bruder Hobel gehen; er ist immer so oberflächlich.
Schön, sprach Bruder Hobel, dann soll auch Bruder Bohrer gehen.
Er ist eine uninteressante Person, die nie aufbauende Arbeit leistet.
Bruder Bohrer meinte dazu: Gut, ich gehe.
Aber Schwester Schraube muss auch gehen.
Man muss sie dauernd drehen und drehen, bis man mit ihr zum
Ziel kommt.

Wenn ihr es wünscht, bin ich bereit zu gehen, sprach Schwester
Schraube, aber dann muss auch Bruder Meterstab die Versamm-
lung verlassen.
Du, Bruder Meterstab, bist der, der über andere urteilt und meint,
alle müssten sich nach dir ausrichten ..."
Und so weiter und so weiter ...

Spüren Sie das Gift, das hier die Gemeinschaft zerstört?
Das darf nicht sein, sagt Paulus.
Ihr seid ein Leib – und im Leib geht es nicht darum, dass sich einer
vor den andern schiebt und die anderen beiseite schiebt.
Unser Organismus funktioniert nur, weil ein Glied dem andern dient
und ein Organ für das andere da ist.
Wer andere klein macht, der hilft mit, dass die Gemeinde verkümmert
und kleinkariert wird.
Wer aber andere aufbaut, indem er sich sich selbst jeden Tag
Jesus Christus unterordnet und aus iHM lebt, der baut Gemeinde auf. 


2. Evangelium, Taufe und Abendmahl wollen Christen
verbinden, nicht trennen

Wie leiblichen Geschwistern muss es auch Glaubensgeschwistern
immer wieder gesagt werden, dass sie ein und denselben Vater
haben und dass er sich freut, wenn die Geschwister zusammen-
halten, und dass es ihn traurig stimmt, wenn Zank und Streit das
Verhältnis belasten.

Der Apostel wählt wohl auch deshalb das Bild vom Leib Jesu Christi,
weil viele Christen in Korinth jedes Glaubensthema nur »geistlich«
verstehen wollten, also im übertragenen Sinn.
Die Gemeinde als der Leib Jesu Christi ist aber etwas Konkretes,
nichts Mystisches, nichts Zukünftiges.
Auch, wenn wir gottlob damit rechnen dürfen, dass das im Himmel
einmal im Vollsinn zu sehen sein wird.

Die Gemeinde Jesu hat schon heute konkrete Gesichter:
Ihres und meines!
Und noch viele andere, die heute Morgen nicht da sind oder die
anderswo Gottesdienst feiern.
Evangelium, Taufe und Abendmahl, sie sollen Christen verbinden,
nicht trennen, auch wenn es zwischen den Gemeinden z. T. unter-s
schiedliche Meinungen über die Art und Weise gibt:
    - zum Beispiel die Taufpraxis, ob Groß- oder auch Kleintaufe,
    - ob das Abendmahl auch mit Traubensaft gefeiert werden
        darf oder nur mit Wein  u. v. mehr.

Das Entscheidende ist, dass die wahre Gemeinde eine Stiftung ist,
eine Stiftung Jesu Christi. Nicht wir sind die Herren, sondern einer
wil unser HERR sein.

So hoch werden Christen geadelt!
Wer kann da noch abfällig von der Gemeinde reden?
Wer kann da noch die links liegen lassen, die neben uns auch
Jesus nachfolgen?

Doch nur der, der selber tot ist, geistlich tot ist.
Denn sonst würde er spüren, dass er selber Glied dieses Leibes ist
(im ganz konkreten Sinn wie auch im geistlichen Sinn!)
und als Glied diesem Leib auch vor Ort fehlt.
Dann würde er selber auf diese Gemeinde und auf diese Kirche
aufpassen, dass sie sich nicht die Finger verbrennt.

Da sollten wir niemals mit Kain aus der Urgeschichte fragen:
»Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?!«

Wer Christus liebt, wer das Evangelium verstanden hat, wer sich
dem Geheimnis von Taufe und Abendmahl anvertraut hat,
der leidet an der konkreten Gemeinde.
Und nur wer liebt, kann leiden - und diese Liebe hat gefehlt in
Korinth, sagt Paulus.
Fehlt sie auch bei uns? ( ... )

Die einzelnen Glieder eines Leibes sind nicht nur für sich selber da.
Ein Glied übernimmt Aufgaben für andere Glieder.
Das heißt doch, dass sich jeder Christ ganz konkret ins Gemeinde-
leben einbringen soll, sich hinein stürzen in dieses Vergnügen -
und von Jesus her betrachtet ist es ein Vergnügen!

Da wird niemand zum Dienen überredet, sondern wer Jesus gehört,
der hat immer auch Gaben geschenkt bekommen, damit er ganz
selbstverständlich  Aufgaben für den ganzen Leib übernimmt.
Kein Christ hat keine Gaben bekommen.
Sondern jeder soll die seinen entdecken und einbringen, um damit
    - Christus zu dienen,
    - um den Menschen zu dienen.
Und warum?
"Damit die Welt glaube ..." sagt Jesus.

In Korinth hat die Dienstbereitschaft - und die Liebe zu Jesus - gefehlt.
Gibt es sie bei uns, unter uns?
Dienstbereitschaft und Liebe?

Wenn wir ja zu Jesus sagen, sagen wir automatisch auch zur
Liebe und zur Dienstbereitschaft ja.
Wenn wir zu Jesus ja sagen, dann sagen wir immer auch ja zum
Leib Christi, zu seiner Vielfalt und zum Reichtum in seiner Vielfalt.

Ob Jesus wusste, wen er damals zu seinen Jüngern berufen hat?
War ihm denn nicht bewusst, dass es für alle Beteiligten eine schier
unerträgliche Prüfung bedeuten würde, dieser 12 ersten Jünger
zusammen zu bringen?

Klar doch, wusst er, was er tat.
Und Gott hat diese enorm großen individuellen Unterschiede benutzt
als Werkzeug, um jeden von ihnen zu einem ausgewogenen, ein-
sichtigen und wirksamen Jünger zu schleifen und zu formen.
Sie brauchten den Druck der gegenseitigen Unterschiede.
Ihre Unterschiede haben sie wie Sandpapier abgeschliffen, bis
endlich jeder von ihnen geglänzt hat wie ein geschliffener Edelstein.

Schauen wir noch einmal in die Werkstatt des Schreiners: 
Mitten in der erregten Diskussion trat der Schreinermeister herein.
Er zog die Schürze an, ging zur Werkbank und fing an, mit Hammer
und Hobel, Bohrer, Schraube und Meterstab und allen anderen
Werkzeugen zu arbeiten.
Und der Meister wusste recht gut, alle seine Werkzeuge zu
gebrauchen. Und es entstand ein wunderbares Werkstück,
an dem sich der Meister und alle, die es sahen, herzlich erfreuten.

Die Gemeinde Jesu Christi hat ein großes Potenzial an Vielfalt.
Aber die Christen fliehen viel zu oft davor!
Sie gründen neue Gemeinden, um der Vielfalt aus dem Weg zu
gehen. Sie suchen die "ideale" Gemeinde.
Das ist einer der Gründe dafür, dass es immer wieder neue
Gemeindegründungen neben bereits bestehenden guten Gemeinden
gibt. Und dann leben sie oft einfach nebeneinander her, ohne
dass die Welt dadurch das Entscheidende entdecken kann.

Darin liegt eine Schwäche, auch im Zeugnis für Jesus.

Lassen Sie uns deshalb immer mehr in die umgekehrte Richtung
schauen: Nicht Ignorieren, sondern füreinander beten, aufeinander
zugehen und Jesus wieder ganz fest in den Blick zu nehmen als
den eigentlichen "Leib" seiner Gemeinde, an dem wir Glieder sein
dürfen.

Das war heute vielleicht etwas viel auf einmal.
Ob wir das umsetzen können?
Gott gebe uns dazu die Kraft und einen einen neuen Aufbruch.
Amen.
 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 19.08.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Schüssler)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Schüssler)
Sonntag, 26.08.2018
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Dr. Difäm)
Sonntag, 02.09.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (W.Dölker)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (W.Dölker)
Sonntag, 09.09.2018
9:15 Uhr:
Vorstellungs-Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Held)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Prädikantin Donath)