2008-08-24

Predigt über 1. Thessalonicher 5,14-24 / Pfarrer Winfried Müller, Altensteig
Unser Predigttext heute steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, Kapitel 5, die Verse 14-24:
"14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist dämpft nicht. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun."



Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht ob Sie mitgezählt haben. Aber das waren in elf Versen dreizehn Befehle. Ja, überfällt uns heute Morgen Gottes Wort in der Form der Regelwut und dicker Gesetzessammlung?

Nein – es geht hier vielmehr um seelsorgerliche Hilfen für die Gemeinde. Jener Gemeinde in Thessalonich, zu der – wie es Paulus selbst beschreibt – »die Predigt des Evangeliums nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit gekommen ist« (1. Thessalonicher 1, 5).

Gott kommt also zu uns, durch sein starkes Wort. Er gibt uns zuerst, ehe er fordert. Und damit dieses Geschenk in Thessalonich in der Gemeinde auch recht gepflegt und verwaltet wird, darum gibt der Apostel Regeln aus, wie das gemeinsame Glauben und Leben unter Gott gelingen kann. Denn diese Christen in Thessalonich sind Paulus sehr ans Herz gewachsen. In keinem anderen seiner Briefe spricht er die Adressaten so häufig mit »geliebte Brüder« an. Es geht also um gute Ratschläge, die wir heute erhalten, aufhelfende Ermahnungen, liebevolle Wegmarkierungen.


Wie begegnen wir einander?
Das ist die erste Frage, liebe Gemeinde, die uns heute Morgen durch das Bibelwort gestellt wird.

Wie gehen wir in der Gemeinde miteinander um? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über die Atmosphäre unter uns – warm oder unterkühlt, herzlich oder distanziert. Sie entscheidet, ob wir für andere eine einladende oder eine zugeknöpfte Gemeinde sind. Wie haben wir uns vorhin gegenseitig gegrüßt?

Unter den Eskimos soll es Sitte sein, die Nasen aneinander zu reiben. Man kann es kaum tun, ohne zu lachen. – In Afrika wird erst mal Palaver gehalten: »Wie geht’s? Und die Gesundheit? Was macht der Mann? Und die Kinder – alle in der Schule?« – Und irgendwo hinter den Bergen, erzählt man, ziehen die Leute aus der Hosentasche ein kleines, weiches Pelzchen und überreichen es dem anderen zum Gruß. Soll heißen: Ich mag dich! In der Tat, besser ein weiches Pelzchen als eine herbe Abreibung mit der Kratzbürste. Meinen Sie nicht auch?

In der ersten Kirche gab es wohl so etwas wie den ›Gruß der Thessalonicher‹. Zwei Verse nach unserem Text lesen wir: »Grüßet alle Brüder mit dem heiligen Kuss.«

Eine Geste der Liebe. Was jener ›Gruß der Thessalonicher‹ nun im Einzelnen bei diesem oder jener bedeutete, beschreibt unser Predigttext anschaulich: »Weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid großmütig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte.«

Das Besondere des Grußes der Thessalonicher wäre dann, nicht allen gleich und schematisch zu begegnen, sondern jedem, wie er’s braucht, wie es gut ist. Weiset die Unordentlichen zurecht! Sie haben damals einfach die Arbeit verweigert. Denn Jesus komme ja ohnehin bald. Darum lassen wir unsere Pflichten liegen und warten verträumt auf ihn, so dachten sie. Ja, manche müssen in aller Freundschaft auf ihr unchristliches Verhalten angesprochen werden.

Oder: »Tröstet die Kleinmütigen«. Menschen, die vom Zweifel geplagt sind, müssen aufgebaut werden.

Nun könnte man ein kleines Experiment machen und den einzelnen Personengruppen eine andere Umgangsart zuordnen, etwa so: Traget die Unordentlichen! Weiset die Kleinmütigen zurecht! Tröstet jedermann. Gebet den Schwachen ja genug Aufgaben. – Nichtwahr, das passt wie die Faust auf’s Auge. Es ergibt Umgangsformen, die tun weh.

Da ist eine Frau, sie hat ihren Mann mit Mitte 50 verloren. Drei Wochen später wird sie in der Gemeinde von einer Freundin gefragt: »Bist du jetzt drüber weg? Du hast doch immer einen starken Glauben!« Wie unsensibel! Wie töricht! Als ob Glaubende nicht trauern dürften!

Oder ein Konfirmand wird an der Kirchentür begrüßt: »Hallo! Hm, das riecht nach Marlboro oder Camel! In der Kirche wird aber nicht geraucht!« Einfach lieblos und verletzend!

Also: Unser Umgang und unsere Art anderen zu begegnen – Wie die Faust auf’s Auge oder wie eine Wundsalbe? Wie begegnen wir einander? Wundsalbe fühlt sich zunächst weich an. Aber sie ist überraschend stark. Sie überwindet das Gift an der Wunde und heilt Verletzungen. Begegnen wir allen in solcher Geistesstärke, mit innerer Weite, mit heilender Kraft? »Seid großmütig, weitherzig gegen jedermann.« Dann kann die gefährlichste, giftigste aller Umgangsformen, nämlich das Böse, unser Miteinander nicht zerstören: »Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern jaget nach dem Guten!« Ich glaube, wir alle haben noch zu lernen am Punkt der Feinfühligkeit und in der Fähigkeit, füreinander zur Wundsalbe zu werden. Doch wie kann das geschehen?

Dies führt uns zur zweiten Frage:


Woher kommen wir?
Das weiß jeder von uns: Ob eine Begegnung gelingt oder schief geht, das hängt wesentlich davon ab, in welcher Grundstimmung, in welcher Verfassung wir eben sind, anders gesagt: wo wir gerade herkommen. Kommen wir aus einem Haus voll Streit und Geschrei, dann sind wir schlecht vorbereitet, die Kleinmütigen zu trösten und Böses mit Gutem zu vergelten.

Kommt aber jemand gerade aus der erholsamen Zeit eines entspannten Wochenendes, hat er meist gute Nerven und ist in Hochstimmung. Aus welchem Raum komme ich gerade? »Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.«

Wie kann ein Mensch dies – immer fröhlich sein? Das ist doch zuviel verlangt!

Nun diese drei Worte: Sich freuen, beten, danken, sind wie die drei Dimensionen eines Hauses. Ich vergleiche sie mit den drei Abmessungen von Länge, Breite und Höhe, die einen Raum ausmachen. Dieser Raum gleicht dem Raum, in dem Liebende leben. Wer sich lieb hat, der sieht einander gerne an. Liebende denken aneinander. Und sie beschenken einander gerne – aus Dankbarkeit und Freude.

Klar, wer aus dem Haus eines unersättlichen Ichs, eines Egos kommt, der will übertrumpfen und ist gleich belei-digt. Paulus umschreibt mit den drei Dimensionen von Freude, Gebet und Dank den Raum, in dem Jesus Haus-herr ist: »Das ist der Wille Gottes für euch – in Christus Jesus«, also in dem Raum, den unser Herr bestimmt.

»Allezeit fröhlich.« Ob wir’s glauben oder nicht, im Haus Christi gibt es immer einen aktuellen Anlass zur Freude. Paulus freute sich damals, dass Timotheus von seinem Besuch in Thessalonich mit der guten Nachricht zurück kam: »Die Gemeinde steht standhaft!«

Und wir? Haben wir die vielerlei Gründe, sich über unsere Gemeinde zu freuen, schon entdeckt?

»Ohne Unterlass beten.« Natürlich bedeutet das eine durchgängige Verbindung mit dem geliebten Herrn, die auch durch Arbeit und Stress nicht abreißt. Aber Paulus sagt von sich: »Wir danken Gott allezeit für euch. Wir denken ohne Unterlass vor Gott an euer Werk im Glauben.«

Mit seinem Team hat Paulus nicht nur ein internationales Missionswerk aufgebaut, sondern auch einen ständigen Gebetsdienst. Vielleicht haben auch in dieser Gemeinde Menschen Fürbittedienste übernommen.

»Seid dankbar in allen Fällen.« Die damaligen Gottesdienste waren mit so vielen Dankgebeten bestückt, dass man sagte: »Ich geh zur Danksagung«, statt ich gehe zum Gottesdienst. Das hatte unter anderem die Auswirkung, dass sich der Kirchenvater Chrysotomus den Wahlspruch gab: »Gott sei Dank für alles!« Am Ende eines glanzvollen Lebens wurde er ans Schwarze Meer in die Ver-bannung geschickt und starb dort mit dem Wort: »Gott sei Dank für alles«.

Woher kommen wir, wenn wir einander begegnen? Doch hoffentlich aus dem Haus Christi, aus dem Haus, wo der Geist weht: »Den Geist dämpfet nicht!«, fügt Paulus hinzu. Es ist der Geist der Freude und des Gebets und der Dankbarkeit.

Wie die Thessalonicher sich begrüßen. Das ist heute unser Thema. Und sie mögen denken: Lohnt es sich, darüber nachzudenken? Wir haben andere Sorgen: Es brennt an vielen Stellen in der Welt und die persönlichen Sorgen sind mannigfaltig. Was ist schon Thessalonich? Ein abseitiges Städtchen, weit weg von unserem Blickfeld! Und dann hören wir, dass wir uns mühen sollen mit dem Umgang in der Gemeinde, wie die damals. Lohnt sich das denn? Es gibt doch wahrhaftig wichtigere, aktuellere Ziele! Gemeinde, da menschelt es doch. Unordentliche, Kleinmütige, Schwache – Paulus sagt selbst, wie klein – oder sollen wir sagen – wie kleinkariert!
»Der Gott des Friedens heilige euch«, sprich: Er forme und präge euch gerade in diesen kleinen Verhältnissen einer Gemeinde. Er bilde euch hinein in ein größeres Bild durch das Zurechtweisen, Trösten, Tragen, Geduldigsein, das ihr an einander übt. Ob sich das rentiert?

Paulus sagt: Bedenkt doch – und das ist unsere dritte Frage:


Wo gehen wir hin?
»Der Gott des Friedens heilige euch für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.« Es kommt ein Tag, auf den gehen wir zu, da tritt Jesus sichtbar in die Öffentlichkeit. Und unsere kleinen Taten in der Gemeinde treten offen zu Tage. »Seid geduldig gegen jedermann!« Das Wort im Urtext bedeutet weit mehr: Habt ein großes Herz! Seid großmütig wie ein König, seid gütig, weitherzig!

Paulus hat dieses große Herz an seinem Herrn Jesus Christus wahrgenommen und selbst verspürt. Und an seinem herrlichen Tag wird Jesus zu den Thessaloni-chern sagen und zu uns allen, die sich mit dem Thessalonicher-Gruß grüßen: »Das ist doch Geist von meinem Geist, Herz von meinem Herzen, Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein!« Welch ein Wiedersehen.

1964 erhielt Martin Luther King, der Führer der Farbigen in den USA, den Friedens-Nobel-Preis. Gewaltlos hat er die gleiche Würde für Schwarz und Weiß ein gutes Stück vorangebracht. Unter den zahlreichen Gästen bei der Preisverleihung in Stockholm befand sich ein einfacher alter Farbiger aus Atlanta/Georgia. Der hatte vor Jahren mit seinem kleinen Sohn ein Schuhgeschäft betreten und sich auf die vorderen Stühle gesetzt. Der Verkäufer sagte: »Ich bediene Sie gerne, wenn Sie sich nach dort hinten setzen.« Der Farbige: »Entweder Sie bedienen mich hier vorne oder Sie bedienen mich gar nicht.«
Das war Daddy King, der Vater des Nobelpreisträgers.
Er verließ das Schuhgeschäft und sagte seinem kleinen Martin: »Niemand kann dich zu einem Sklaven machen, wenn du nicht wie ein Sklave denkst.« In kleinsten Verhältnissen und unerkannt hat Vater King das Gerechte getan. Jahrzehnte später wurde in Stockholm an seinem Sohn dieses Kleine, Alltägliche vor aller Welt geehrt, anerkannt, gelobt.

Ja, was für ein Tag und was für eine Ehre, vor was für einem Forum wird es sein, wenn die Großmut von Thessalonich und von Schwann / Dennach den Preis vor aller Welt erhält! Und was für ein Wiedersehen des großmütigen Herrn mit seinen treuen kleinen Leuten, denen er etwas von seiner Großmut ins Herz gegeben hat!

»Er heilige auch uns für seinen Tag! – Treu ist, der uns heute dazu ruft. Er wird’s auch tun.«   Amen.



Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Dienstag, 19.06.2018
17:45 Uhr:
Jungschar für alle Jungen und Mädchen im GH in Dennach
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 20.06.2018
19:00 Uhr:
Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 21.06.2018
14:30 Uhr in Schwann:
Asylarbeit in Straubenhardt (Gustav Bott, Netzwerk Asyl)
18:30 Uhr:
Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann
19:00 Uhr:
Jugendkreis 16+ im GH Schwann
Freitag, 22.06.2018
17:00 Uhr:
Bubenjungschar 6-12 Jahre im GH Schwann