2008-07-27

Predigt über Daniel 9,15-19 / Pfarrer Hartmut Schmid, Tübingen

Liebe Gemeinde,
Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist der Israelsonntag. Dieser Tag soll die Kirche an die Verbundenheit mit Israel erinnern. Die Wurzeln der Kirche liegen in Gottes Geschichte mit seinem Volk, und Jesus Christus war Glied seines Volkes.

Der Israelsonntag mit seiner Nähe zum jüdischen Gedenktag »Tish’a beAv« ruft uns auch das Unheil in Erinnerung, das durch Christen über das jüdische Volk kam. Es soll und darf nicht verschwiegen werden, um in der Gegenwart wach zu bleiben und heutiges Unrecht zu erkennen und auch zu benennen.

Es ist schön, dass uns am Israelsonntag in diesem Jahr
ein alttestamentliches Wort gegeben ist, das uns mit
Israel verbindet und gerade das Thema Schuld, Buße und
Gnade anspricht.

Wir hören den Predigttext aus Daniel 9, 15-19:
"15 Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus Ägyptenland geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht, so wie es heute ist: wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen. 16 Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. 17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! 18 Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. 19 Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht - um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt."



Wie reagieren wir auf Unheil, auf die oft unverständlichen und schweren Führungen Gottes in der Geschichte und in unserem Leben? Wie gehen wir mit erkannter, nicht nur persönlicher Schuld um? Wo wenden wir uns hin bei großen Umbrüchen und Umwälzungen?

Daniel, ein kluger Israelit, war mit den Oberen seines Volkes 586 v. Chr. ins ferne Babylon deportiert worden. Dort tat er seinen Dienst am Hof des Königs und bestach alle durch seine außerordentlichen Begabungen, die ihm Gott verliehen hat. Doch bei allem persönlichen Erfolg, den er erlebte, die Not seines Volkes lag ihm schwer auf dem Herzen.

Was kann er dagegen tun? Im heidnischen Land unter widergöttlicher Herrschaft? In feindlichem Umfeld?

Daniel wendet sich in der unverständlichen Führung Gottes mit seinem Volk bewusst dem Wort dieses Gottes zu. Das Gebet, das uns in Daniel 9 überliefert ist, ist ge-füllt mit Bezügen zum früheren Handeln Gottes in Israels Geschichte. Es stützt sich immer neu auf Worte der
Propheten, die Israel erhalten hatte. Bis heute gilt, was Daniel auch erlebt hat: in der Zuwendung zu Gottes Wort bekommen wir Antworten und finden wir Anleitung zum Beten, Hoffen und Handeln.

Was lernt nun Daniel konkret aus Gottes früherem Handeln und dem Wort der Propheten?


1. Das Bekennen der Schuld
Die Propheten nahmen im Blick auf die Schuld Israels kein Blatt vor den Mund. Sie nannten sie offen beim Namen, gerade auch Jeremia, auf den sich Daniel in seinem Gebet am Anfang ausdrücklich bezieht (1). Vor allem jedoch sahen die Propheten im Unglück, das über Israel hereingebrochen war, Gottes gerechte Antwort auf Israels Schuld. Daniel nimmt diese Sicht auf und an. Er klagt Gott nicht an, er begehrt nicht auf, er erkennt in Gottes Handeln – auch gerade im Gericht – Gottes Gerechtigkeit.

Was kann er dann noch tun? Er bekennt die Schuld. Offen und ohne Einschränkung. Es wird nichts schöngere-det, nichts verharmlost, sondern bekannt. Daniel verweist auch nicht auf die anderen und redet sich selbst nicht heraus. Dabei war er schon als junger Mann deportiert worden und seine Frömmigkeit war bekannt. Er hätte also sagen können: »Ich habe doch keine Schuld daran.«

Er ist nicht verbittert, dass gerade er im Exil leben muss. Er bekennt: »Wir haben gesündigt!« Damit tut er stellvertretend Buße.

Wie gehen wir mit Schuld um? Auch mit Schuld, die eine Gemeinschaft, eine Gemeinde, eine Kirche oder ein Volk betrifft? Sind wir bereit, diese Schuld als Schuld zu erkennen? Sind wir bereit, uns mit unter diese Schuld zu stellen? Viel schneller sind wir in der Regel dabei, andere anzuklagen, über andere herzuziehen, als zu bekennen: auch wir haben gesündigt.

Die Entchristlichung unserer Gesellschaft, die Orientierungslosigkeit in ethischen Fragen, die Infragestellung der Gültigkeit der Gebote Gottes, aber vor allem die Gleichgültigkeit gegenüber Jesus Christus sollte für uns Anlass sein, zu Gott zu schreien: wir haben gesündigt! Lasst uns den prophetischen Dienst der Fürbitte und der Buße auch in unserer Gemeinde neu lernen und wahrnehmen.


2. Das Vertrauen auf die Verheißung
Das Bußgebet Daniels ist getragen von der Hoffnung, dass Gott ihn hört. Denn Daniel weiß um die Verheißungen, die Israel gegeben sind. Gerade die Verheißung vom Ende der babylonischen Herrschaft und die Verheißung, dass Israel sich Gott zuwendet und dass Gott sie erhört, wie sie die Propheten angekündigt haben, ermutigt Daniel, inständig zu beten.

Er vertraut nicht einem selbstgemachten Bild von Gott, dass Gott doch irgendwann wieder hilft und heilt, dass von irgendwoher ein Lichtlein kommen wird. Er vertraut vielmehr konkret und entschlossen auf Gottes Verheißungen.

Und trotz dieser Verheißungen tut Daniel Buße! Die Zusagen Gottes machen Buße nicht unnötig, im Gegenteil, sie ermöglichen erst die Umkehr zu Gott. Er gibt Raum zum Neuanfang. Buße tun können ist Gnade. Aber Buße ist auch die Voraussetzung zum Neuanfang. Man kann nicht mit dem alten Ballast weitermachen. Zum Neuanfang mit Gott gehört die Reinigung.
Daniel erinnert in seinem Gebet Gott weiter an sein früheres Handeln an Israel. Er greift zurück auf Gottes Macht und Ehre. Gott hat Israel schon einmal errettet aus Ägypten. Gott kann Israel einen zweiten Auszug schenken, eine erneute Heimkehr ins Land. Und Daniel erinnert Gott an seinen Bund. Israel ist doch Gottes Volk, Jerusalem ist doch Gottes Stadt. Der Tempel ist ja sein Heiligtum. So bittet Daniel, dass sich Gott um seinetwillen erbarmt.

Wie Daniel und von Daniel können wir lernen, aufgrund der Verheißungen Gottes zu beten und zu beichten: »Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (2). Aufgrund dieser Verhei-ßung aus dem ersten Johannesbrief dürfen wir um Ver-gebung bitten. Und Jesus verspricht »Die Pforten der Hölle sollen die Gemeinde nicht überwältigen« (3). Mit diesem Wort dürfen wir immer neu vor Gott für seine Gemeinde eintreten und um Vergebung, Führung und Segen bitten.

Gottes Verheißungen sind es, die uns trotz unserer Schuld beten und hoffen lassen.


3. Allein Gottes Gnade rettet
Daniel betet auf Grund von Gottes Verheißungen. Daniel nennt vor Gott keine Werke, aufgrund derer er gnädig sein müsste. »Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit« betet er. Nein, es ist ganz und ausschließlich Gottes Erbarmen. Niemand – auch nicht Gottes Volk und Jesu Gemeinde – hat Anspruch auf Gottes Gnade. So setzt Daniel ganz auf Gott selbst, dass er seinen Verheißungen treu bleibt, dass er sich seines Volks und unser aller er-barmt, dass er Gnade walten lässt.

Das Gebet Daniels führt uns in die Mitte des Neuen Bundes und lässt aufleuchten, was Martin Luther für seine Zeit und für unsere Kirche erkannt hat: allein die Gnade.
Diese völlige Abhängigkeit von Gott geht uns schwer ein. Allzuoft bauen und vertrauen wir auf unser Tun und unsere Frömmigkeit. Doch gerade damit stehen wir Gottes Treue im Weg, schieben sie beiseite und bleiben letztlich im eigenen Elend.

Das Gebet des Daniel macht uns dagegen neu deutlich: wir haben keinen Anspruch vor Gott. Unsere ganze Frömmigkeit und alle guten Werke wiegen unsere Schuld nicht auf. Wenn Gott Schuld anrechnet, kann niemand bestehen.

Damit leuchtet mitten in diesem alttestamentlichen Gebet Jesus Christus auf. Er hat genug für alle getan. In ihm haben wir Vergebung, Rechtfertigung und Versöhnung. Vor ihm zählt kein Verdienst, sondern das Geschenk der Gnade. Deshalb hält sich Daniel allein daran fest, dass Gott zu seinen Verheißungen steht und dass er aus Gnade an seinem Volk neu handelt. Machen wir es ihm doch nach.   Amen.

Anmerkungen:   
(1)  Vers 2
(2)  1. Johannes 1, 9
(3)  Matthäus 16, 18



Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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