2008-06-29

Predigt über 1. Petrus 2,1-10 / Pfarrer Dr. Rolf Hille, Tübingen


Liebe Gemeinde,
eine riesige Baustelle, viel Lärm und Betrieb! In einer Ecke sind drei Steinmetze damit beschäftigt, aus noch unförmigem Rohmaterial passende Steinblöcke zu behauen.
Da geht ein Fremder auf den ersten der drei zu und fragt: »Was tust du?« Der zuckt verständnislos mit den Achseln und murmelt: »Das sehen Sie doch, ich behaue einen Stein!« Arbeit aus Pflichterfüllung.

Der Fremde wendet sich dem nächsten zu und stellt ihm dieselbe Frage.
Dieser schaut etwas überrascht hoch:
»Ja, was tue ich? Ich behaue Steine. Dadurch verdiene ich mein Brot und ernähre meine Familie.« Arbeit zur Existenzsicherung. Schließlich befragt der Fremde noch den dritten. Ein tiefsinniges Lächeln spielt um seinen Mund, als er antwortet: »Ich baue eine Kathedrale!«
Dieser Mann hat eine ganz neue Perspektive: Arbeit mit erhobenem Kopf. Hier vernimmt einer schon den zukünftigen Klang der Glocken und hört die herrlichen Choräle.

Heute, liebe Gemeinde, wird uns ein Stein die Predigt halten. Petrus, der Jesusjünger und Apostel, gibt uns diesen Stein in die Hand und zeigt uns, wie Gott mit Steinen ganz eigener Art sein Haus baut und sein Reich aufrichtet.

Wir hören den Predigttext für den heutigen 6. Sonntag nach Trinitatis aus 1. Petrus 2, 1–10:
"1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, 3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. 4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, 8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; 10 die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25)."


Dieser Stein (ein Baustein wird der Gemeinde gezeigt) soll uns also heute predigen! Das ist schon zum Verwundern. Aber wer sich auf Gott einlässt, kommt aus dem Wun-dern nicht heraus. Am Anfang unseres Steins steht ein dreifaches Wunder:

Das Wunder der Erwählung

Irgendwann wurde er aus rohem Fels gebrochen, vielleicht sogar wahllos irgendwo gefunden. Aber der Steinmetz hat etwas Besonderes an ihm entdeckt. Er hat gese-hen: Aus diesem Klotz kann ich etwas Brauchbares machen. Was denn? Er hat ein Auge für das, was noch nicht ist, aber werden soll. Darum erwählt er ihn.

Da kündigt sich schon das zweite Wunder an:

Das Wunder der Erweckung
Der Stein wird zum lebendigen Stein. Haben Sie’s gemerkt? Ein lebendiger Stein
– das ist doch ein echter Widerspruch in sich.
Der Stein in der Hand – etwas lebloses – wie kann er dann lebendig sein? Beides zugleich geht nicht. Oder ist jemand von Ihnen schon einmal einem lebendigen Stein begegnet?
Aber Gott wirkt, dass die toten, kalten Steine warm
und lebendig werden. Er nimmt uns das steinerne Herz und macht daraus etwas Pulsierendes, ein Herz, das das Leben in Gang hält (1).

Die Wiedergeburt eines toten Steins zum Leben – das ist das Wunder der Erweckung. Von diesem biblischen Widerspruch gegen alle menschliche Erfahrung leben wir. So grundlegend verändert Gott auch uns.

Nun folgt das dritte Wunder:

Das Wunder der Verwandlung
Gott hat den Felsen(-mann), den Petrus, er hat Sie und mich – jeden so genommen, wie er uns vorgefunden hatte. Ohne Vorbehalte und Vorbedingungen.

Aber er hat uns nicht gelassen, wie wir sind. Er hat uns göttliches Leben eingehaucht und hat uns neu geboren. Und dann hat er an seinen lebendigen Steinen intensiv gearbeitet. Er hat die vorstehenden Kanten behauen: »So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede« (V. 1).
Dazu braucht man nicht viel zu kommentieren. Diese Kanten und Ecken kennen wir nur zu gut. Nicht nur an Simon, dem Petrus, sondern auch und noch viel mehr an uns selbst.

Doch Gott beginnt uns zu behauen. Und diese große Mühe, mit der er Hand an uns legt, ist eine harte Gnade. Aber wir werden nicht nur brauchbar, sondern kostbar für Gott und für die Menschen. Dass Gott uns in Form bringt, das ist das dritte große Wunder der »lebendigen Steine«.

Ein Stein – ein dreifaches Wunder. Das ist Gottes Geschichte mit uns.
Nun wollen wir den »lebendigen Stein«, der so viele Wunder erlebt hat, ja dessen tiefes Wunder es ist, dass er lebt, ihn wollen wir von allen Seiten betrachten und seine Lebensgeschichte hören. Wie er zum Baustein für das »geistliche Haus und für die heilige Priesterschaft« wird und wie durch ihn »geistliche Opfer gebracht werden,
die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.«

(1.) Das ist zunächst die Unterseite.
Schweben kann er bekanntlich nicht, unser Stein. Er braucht eine Grundlage, ein festes Fundament. Seine Schwerkraft reißt ihn sonst hinab.

Gott hat ein zuverlässiges Fundament unter unseren Stein gelegt, auf dem er ruhen kann: »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden« (V. 6).

Aber gleich regt sich Widerstand. Was, der soll wertvoll sein, der Sohn von Maria? Was kann denn der schon tragen, der arme Zimmermann aus Nazareth?
Was weiß denn der vom Gesetz und der Theologie, der ungelehrte Wanderprediger? Deshalb reagieren seine Zeitgenossen verächtlich: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben« (V. 7).
Hier geht heute ein gefährlicher Riss durch die Christen-heit. Wer ist Jesus? Was über Jahrhunderte galt, scheint heute zu wanken. Ist er der Christus Gottes, der Herr der Welt, der Heiland für Sünder? Oder ist er nur der vorbildliche Mensch, das religiöse Genie, der beeindruckende Prediger?

Nein, unser lebendiger Stein wird getragen vom Eckstein. Ohne diesen Halt wird die Kirchenmauer nicht nur rissig, sondern stürzt ein. Darum bleibt’s dabei: »Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Christus« (1. Korinther 3, 11).

Gut, dass wir hier in unserer Kirche, diesem Tempel Gottes, lebendige Steine sein dürfen auf festem Funda-ment. Zwischen uns und den ersten Anfängen hat Gott eine hohe Mauer aufgerichtet. Jeder Stein ruht mit seiner Unterseite auf diesem Fundament. All die Steine der Gottesgeschichte, die inzwischen übereinander geschichtet sind, stehen auf diesem Eckstein: Simon, der Petrus; Saulus, der zum Paulus geworden ist; Augustinus, der Kirchen-
vater; Martin Luther, der Reformator; das geht bis hin zu den kleinen Steinchen, die uns mittragen: die Mütter und Väter im Glauben, die Kinderkirchhelfer und Jungschar-leiter, die Pfarrer und Prediger... All diese geben Halt, weil sie von Christus gehalten sind.

(2.) Sehen wir auf die beiden Stirnseiten unseres Steins
Unser »lebendiger Stein« ist fest eingefügt in Gottes Haus, dort hat er an seiner Stelle seinen Platz gefunden. Er ruht nicht nur auf dem ewigen Fundament Christus. Er wird nicht nur getragen von der sich aufbauenden Mauer der Kirchengeschichte mit all ihren Zeugen. Nein, jeder Stein hat auf seiner Ebene, in seiner geschichtlichen Stunde, zu seiner Zeit rechts und links seine Nachbarn. Vielleicht stößt er sich manchmal an ihnen. Vielleicht musste er gerade vorn und hinten behauen werden, damit er passte und ins Gotteshaus eingefügt werden konnte. Dennoch: jeder Stein hat seine einmalige Platzanweisung. Dies gilt es zu erkennen und – was noch viel mehr ist – diese Platzanweisung gilt es zu bejahen: die Platzanweisung im Hauskreis und im Konfirmandenunterricht, im Mesnerdienst und Kirchenchor, im Team des Kirchengemeinderats und bei der Diakonie, in der Weltmission und beim Besuchsdienst. Jeder wird gebraucht.

Wenn ein Stein wackelt, kommen auch die anderen ins Wanken. Wenn einer aus der Kirchenmauer herausgeb-rochen wird, dann ist das eine Anfechtung für alle. Ein armseliger Stein, wenn er auf dem Schuttplatz neben der Kirche liegt, wo er doch von Gott erwählt ist und in Gottes Haus dringend gebraucht wird.


(3.) Wir sehen die Außenseite unseres lebendigen Steins
Steine an der Außenmauer der Kirche, Steine mit direkter Berührung zur Welt sind unverzichtbar wichtig.

Wir werden heute genau beobachtet, wir Christen.
Unser Dasein ist kein Selbstzweck, sondern wir sind berufen »zu verkündigen die Wohltaten dessen, der sie berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht« (V. 9).

»Lebendige Steine« sind keine stummen Zeugen. Im Gegenteil, sie sind beredt, sie haben etwas zu sagen. Sie sind Zeugen des Wortes, Sänger des Gotteslobes. Ihre Botschaft ist nicht endlose Klage, kein Kreisen um das eigene Wohlergehen, sondern sie haben Gottes Wohltaten zu verkündigen.

Sie zeugen von der Erwählung durch Christus, und vom Wunder der Wiedergeburt, die der Heilige Geist bewirkt. Und sie verweisen darauf, dass sie täglich neu von Gottes unverdienten Wohltaten leben.

(4.) Aber genauso wichtig wie die Außenseite ist die Innenseite unseres »lebendigen Steins«
Die Innenseite scheint manchem unscheinbar, fast unnö-tig. Kein Glanz, keine Repräsentation, keine Öffentlichkeitswirkung. Trotzdem, die verborgene Innenseite unse-res Steins hat ihre unverzichtbare Bedeutung. Keine missionarische Außenwirkung des Gotteshauses ohne die innige Kraft von innen. So leben die lebendigen Steine vom Gebet, diesem Gespräch des Herzens mit Gott. Nicht nur vom feierlichen liturgischen Gebet des Gottesdienstes, sondern auch vom Seufzen im stillen Kämmerlein, von dem, was nur im Verborgenen ausgesprochen wird und allein an Gottes Ohren dringt.

In den Mauern des Gotteshauses wird das Wort gepredigt, und die Steine sind aufmerksame Zeugen dieses Wortes. Gottes gutes Wort hat Kraft, tote Steine zum Leben zu erwecken.

Dieses Wort formt die Steine. Es schleift Kanten ab, füllt Lücken auf. Kurz, dieses lebendige Wort fügt Stein auf Stein in Gottes Haus.

Und schließlich bildet die Innenseite des Gotteshauses jenen Schutzraum, in dem sich die Gemeinde um Gottes Tisch sammelt, das Brot des Lebens nimmt, vom Kelch des Heils trinkt.

(5.) Endlich hat jeder lebendige Stein auch eine Oberseite
Weil er fest auf dem Eckstein Jesus gegründet ist, wird er nicht nur selbst getragen, sondern bekommt Tragkraft für andere, die er stützt. Wir können Halt geben, weil wir gehalten sind.

Da liegt er, der lebendige Stein, eingefügt von Gottes Hand in Gottes Haus. Er bleibt eingefügt an seinem einzigartigen Platz und trägt geduldig seine Lasten. Er strebt nicht weg, sondern bleibt darunter, auch dann, wenn’s manchmal schwer wird.
Nicht Klagesteine, sondern Tragesteine sind wir.
Und eben hier greift unser Bibelwort ein anderes Bild auf: Priesterliche Menschen sollen wir sein. Menschen, ausgerüstet mit Tragkraft der Fürbitte, mit der Stabilität des Glaubens, Menschen, die in der heilsamen Gegenwart Gottes leben.

Solche priesterlichen Menschen sind nach oben offen, zum Gottesreich hin. Sie hoffen nach vorne auf Gottes Ewigkeit mitten in der vergänglichen Zeit.

»Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums!« Haben Sie es gehört: Ihr seid es, weil Jesus uns dazu macht.

Es ist unendlich schön, ein lebendiger Stein zu sein. Ein Stein, der von Gottes Wunder lebt und Gottes Wunder weitergibt. Es ist ein himmlisches Vorrecht, mitten in unserer wirren Zeit Heimat zu haben in Gottes Haus und mitzubauen an seinem Reich. Und es ist herrlich, in den Alltagssorgen und Lebensängsten bereits den zukünfti-gen Glockenklang zu hören, der von der Vollendung des Gotteshauses kündigt. 
Amen.


Anmerkungen:
(1)  Hesekiel 36, 26



Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 20.06.2018
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Donnerstag, 21.06.2018
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Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann
19:00 Uhr:
Jugendkreis 16+ im GH Schwann
Freitag, 22.06.2018
17:00 Uhr:
Bubenjungschar 6-12 Jahre im GH Schwann